Die eher an eine gemütliche Bibliothek erinnernde Lobby des Sir Savigny Hotels in der Berliner Kantstraße mutete an diesem Abend wie in den geschlechtergetrennten Salons zu Fontanes Zeiten an: Auf der einen Seite ausschließlich Frauen zu sehen, und reichlich Veuve Cliquot. Im dahinter liegenden Hotelrestaurant The Butcher tummelten sich hingegen nur Männer, die mit dem Verzehr von Angus Rind-Burgern mit testosterongeschwängerten Namen wie „The Cowboy“ oder „The Daddy“ beschäftigt waren. Letzeres Szenario war offenbar Zufall (schließlich hält die Edelburger-Braterei mit Trüffel-Pommes und der Hähnchenfleisch-Variante „The Butcher’s Wife Favourite“ einige wohl dem weiblichen Zielpublikum zugedachten Alternativen bereit), ersteres hingegen gewollt: Die Regisseurin Miriam Dehne hatte in Kooperation mit dem Sir Savigny-Hotel zum „Female Film Cocktail“ anlässlich der 69. Berlinale geladen – ganz bewusst von Frauen für Frauen. Eine wichtige, etwas andere Art der Berlinale-Einladung, der zu folgen für Aperitivista Ehrensache war.

 

 

Nicht, dass es der Berlinale an weiblicher Präsenz und an feministischen Botschaften fehlen würde: Wir erinnern uns an das Jurymitglied Rajendra Roy, der zur diesjährigen Pressekonferenz ein T-Shirt mit der Aufschrift „The Future of Film is Female“ trug und damit das inoffizielle Motto dieses Festivals prägte. Sieben von 17 im Wettbewerb vertretene Filme, so viele wie nie, stammen von Regisseurinnen, mit Juliette Binoche haben wir eine weibliche Jury-Präsidentin, und die Nachfolge von Dieter Kosslick wird Mariette Rissenbeeck in einer Doppelspitze mit Carlo Chatrian antreten. Last but not least hat die #MeToo-Debatte nach zahlreichen Enthüllungen über Missbrauch und sexuelle Belästigung im Filmbusiness zu einer weitreichenden Auseinandersetzung über den aktuellen Stand der Gleichberechtigung geführt.

 

 

Das alles ist gut und wichtig. Dennoch werden Frauen immer noch als stumme Requisisten behandelt und ihr Redeanteil fällt selbst als Protagonistin meist deutlich geringer aus als bei Männern. Frauen werden nach wie vor schlechter bezahlt und gelangen vor allem vor der Kamera und auf dem roten Teppich zu Ruhm und Ehre. Aus diesem Grund rief Anna Brüggemann, Schauspielerin und erfolgreiche Drehbuchautorin (für das gemeinsame Projekt „Kreuzweg“ erhielt sie mit ihrem Bruder Dietrich Brüggemann den Silbernen Bären in der Kategorie „Bestes Drehbuch“ und den „Preis der Ökumenischen Jury“) zur letzten Berlinale als deutsche Antwort auf #meToo den Hashtag #nobodysdoll ins Leben: „Wir Schauspielerinnen empfinden uns zwar als moderne, feministisch gesonnene Frauen, sobald es aber auf den roten Teppich geht, scheinen wir das vergessen zu müssen. Die Gleichberechtigung ist auf dem roten Teppich noch nicht angekommen. Im Gegenteil, das Frauen-, und auch Männerbild, das bei Festivaleröffnungen, Premieren und Preisverleihungen erwartet wird, kommt mir vor wie aus den fünfziger Jahren“. Den gemeinsam mit Medienboard-Chefin Kirsten Niehuus gestarteten Aufruf unterzeichnete ein guter Teil der ersten Garde deutscher Schauspielerinnen, sogar ein paar Männer reihten sich ein.

 

 

Anna Brüggemann ist eines der drei bekannten Gesichter, die Miriam Dehne und das Hotel Sir Savigny – vertreten durch die sehr für ein anspruchsvolles Kulturprogramm engagierte Regional Brand Relations Director Myriel Walter – an diesem denkwürdigen Abend zum Fireside-Talk auf die Bühne bitten. Zu ihnen gesellen sich Multi-Talent Mo Asumang, die ihre Karriere als TV-Moderatorin und Schauspielerin begann und sich heute als Buchautorin, Filmemacherin und Künstlerin kritisch mit Rassismus auseinandersetzt. Als dritte Teilnehmerin hat Miriam Dehne die mehr ausgezeichnete ungarische Theater-Schauspielerin und Tatort-Kommissarin Dorka Gryllus ausgesucht, die zwischen Ungarn und Berlin pendelt und als eine der vielschichtigsten Darstellerinnen der Gegenwart gilt. Gastgeberin Dehne, selbst Regisseurin und Drehbuchautorin, saß mehrfach in der Jury bedeutender Filmfestivals und hat sich die Förderung eines weiblicheren Filmbusiness auf die Fahnen geschrieben.

Gut so, denn der Weg ist lang und es gibt viel zu tun: einig sind sich die Frauen auf dem Podium darin, dass es mehr Solidarität unter Frauen geben und bei Projekten darauf geachtet werden sollte, andere qualifizierte Frauen einzubeziehen und Themen sorgsam auszuwählen: „Wenn man mutige Projekte macht, bleibt das nicht so pille palle“, betont Mo Asumang. Diese nimmt sie selbst in die Hand, sonst könne sie „warten, bis ich schwarz werde, und ich bin schon braun.“ Anna Brüggemann räumt ein, dass Frauen durch ihr Geschlecht nicht automatisch besser wären als Männer, und dass niemand in Sack und Asche gehen muss, um sich selbsbestimmt zu fühlen – aber der Blickwinkel gelte geändert: „Wir überlassen noch immer die Definitionsmacht, was als attraktiv gilt, dem patriarchalisch geprägten Blick, der inzwischen natürlich geschlechterübergreifend vorhanden ist. Holt euch die Definitionsmacht zurück. (…) Wir sind viele, wir sind klug, wir haben keine Angst und wir sind #nobodysdoll.“

 

 

Als sich Ulla Skoglund, Mitinhaberin der Schauspieleragentur Fitz & Skoglund zu Wort meldet, treibt sie die nach wie vor herrschende Schönheitsdefinition auf die Spitze: Sich für ihre ordinäre Ausdrucksweise entschuldigend, spricht sie davon, dass als Währung für Schauspielerinnen gilt immer noch gelte, ob sie „fuckable“ sei oder nicht. Im Publikum sitzt auch Birgit Gudjonsdottir, auf deren Initiative das deutschsprachige Netzwerk der Cinematographinnen (umgangssprachlich Kamerafrauen) gegründet wurde. Sie weiß sowohl von der meist weit unter dem Niveau der männlichen Kollegen liegenden Bezahlung zu berichten, die schon an der Wurzel darauf zurückzuführen sei, dass Frauen meist in kleineren, budgetschwachen Produktionen als Kamerafrauen arbeiteten, als auch von hanebüchen anmutenden Klischees: „Wer kommt eigentlich darauf, dass eine Frau keine Kameraausrüstung tragen kann? Jeder Säugling ist mit drei Kilo genauso schwer.“ Im Netzwerk können Produktionen die passenden Cinematographinnen gezielt suchen, womit ein sehr guter Schritt in Richtung weibliches Netzwerken getan ist.

 

 

Es wird lange und lebhaft diskutiert, trotz D-Jane tanzt keiner – die Themen sind offenbar zu spannend. Was das Essen angeht, scheint der Abend den unbelehrbaren Steinzeit-Theoretikern Recht zu geben: die (sehr leckeren, ja, ich liebe das Butchers) Maispops, die Süßkartoffel-Pommes und die vegetarischen Burger gehen weg wie warme Semmeln, während die Angus Rind-Patties traurig in die Küche zurück wandern: zumindest beim Essverhalten wurden alle Mann-Frau-Klischees wahr, und das ist in diesem Fall auch gut so.

 

Posted by:gesetta

Aus dem norddeutschen Flachland zog es mich schnell nach Italien und Frankreich, wo ich das mediterrane Lebensgefühl in jede Pore aufgesogen habe. Ich liebe Venedig, Aperol Spritz und gutes Essen. Schon als Kind hasste ich Jugendherbergen, praktische Kleidung und flache Schuhe. Nach unzähligen herrlichen Hotels und einem unprotestantischen Ja zum Glamour kann ich letzteren beiden inzwischen sogar etwas abgewinnen. In 10 Jahren kommt vielleicht die Zeit für Jugendherbergen, weil ich mich jung fühlen möchte. Besser nicht.

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