Denn: Geld sollte immer ein Thema sein. Schon bei Kindern. Sie weiß, wovon sie spricht: Geld ist ihr Business. Irina ist Mitarbeiterin einer privaten Schuldnerberatung in Berlin. Jeden Tag trifft sie Menschen, die pleite sind. Verzweifelt. Voller Angst. Am Ende ihrer Kräfte. Hoffnungslos.  Und jeden Tag versucht sie, gemeinsam mit ihren Klienten, Wege aus einer scheinbar ausweglosen Situation zu finden. Wir treffen uns zum Kaffee, um über Geld zu plaudern… Bild Irina _Martina

Lassen Sie uns also über Geld reden…

„Bedrucktes Papier…überbewertet.“

Nee, oder? Also bei aller Liebe – so einfach ist das doch wirklich nicht

„Nein. Natürlich nicht. Das Leben muss bezahlt werden und die meisten Menschen träumen davon, reich zu sein.  Aber Geld ist in erster Linie ein Tauschmittel. Mir ist es wichtig darauf zu achten, was ich tun muss für das Geld, das ich für meine Arbeit bekomme. Viele kämpfen ihr Leben lang sehr hart um dieses bedruckte Papier und vergessen dabei, wie hoch der Preis wirklich ist.“

Das heißt?

„Geld verdienen ja, aber nicht um jeden Preis.“

Wir reden hier nicht über die Sonnenseiten-Menschen, die nie über ihren Kontostand nachdenken müssen, sich alle Wünsche erfüllen können und ein Leben ohne finanzielle Sorgen leben dürfen. Warum auch immer:  Gearbeitet, geerbt, geheiratet. Sie kümmern sich jeden Tag um die andere Seite der Medaille:  überschuldete Menschen, Leute, denen das Wasser bis zum Hals steht. Die nicht mehr ein noch aus wissen und am Ende sind. Die am eigenen Leib erfahren, dass Armut alles andere als sexy ist. Sind die Charaktere dieser Menschen ähnlich? Sind sie ‚selber Schuld‘ an ihrer Misere?

„Jeder hat eine individuelle Geschichte und es ist die Summe vieler getroffener Entscheidungen, die zu dieser Situation geführt hat. Die Statistiken und der Schuldenatlas der Creditreform zeigen die häufigsten Gründe für Überschuldung bei Privatpersonen auf: Arbeitslosigkeit, Krankheit und Trennung vom Partner. Dieses Schicksal kann jeden treffen, aber wer Rücklagen hat, keine Kreditraten bedienen muss und Ahnung von Haushalt- und Budgetführung hat, wird eine Krise wie Arbeitslosigkeit oder eine Trennung leichter überstehen. Bei einem Leben am finanziellen Limit, bei dem nichts passieren darf, wird es dann schon schwieriger. Ich nenne mal ein Beispiel: Habe ich ein gut gewartetes Schiff, werde ich einen Sturm leichter überstehen als auf einem alten Kutter ohne Rettungsringe.“

Sie appellieren für ein Schulfach zum Thema Geld – und dabei geht es nicht um Prozentrechnung.

„Ich halte es für ein riesengroßes Versäumnis, dass Kinder nicht schon in der Grundschule lernen, mit Geld umzugehen. Ich wünschte mir schon bei kleinen Kindern eine konsequente Ausbildung darüber, wie man im Haushalt mit Geld umgeht, welche Gefahren die Kreditmentalität birgt und warum selbst eine einfach Form von Haushaltsbudgetierung wichtig ist. Heute bekommen schon 18jährige Dispokredite. Handyverträge treiben sie in die Schulden. Oftmals führen diese Kinder die Biografien ihrer Eltern fort.  Und warum soll eine Sechsjährige nicht wissen, wieviel ihre Mama für ein Eis oder eine Kinokarte schuften muss? Geld muss enttabuisiert werden! Klarheit und Transparenz schaffen eine bessere Basis für alle.“

Haben Sie einen wirklich hilfreichen Tipp, wenn es um den Umgang mit Geld geht?

„Was ich jedem mit auf den Weg gebe: Trennen Sie zwischen Fixkosten und frei verfügbarem Geld. Das klingt so simpel, aber glauben Sie mir: Vor mir sitzen sehr oft Menschen, die keine Ahnung haben, wieviel ihr Leben eigentlich kostet. Ihre Finanzen sind ein großes schwarzes Loch. Fixkosten sind die, die sofort weg sind für Miete, Telefon, GEZ, Strom, Handy, Versicherungen usw. Der Rest bleibt übrig für Essen, Urlaub, Kleidung, Hobbys. Ich bin ein großer Fan davon, sich erstmal einen Überblick zu verschaffen. Also: Schreiben Sie alles auf! Dabei helfen klassische Haushaltsbücher oder Apps.“

Sich Wünsche zu erfüllen, ist heute in der Regel puppeneinfach: fast jeder bekommt fast sofort einen Kredit und hält dann stapelweise fremdes Geld in den Händen (siehe Foto;-) Und das zu sensationellen Bedingungen. Was raten Sie hier?

„Auch hier: Denk nach! Wieviel Geld habe ich variabel wirklich übrig, um damit einen Kredit finanzieren zu können. Früher gab es eine einfache Regel, die mein Vater mir mit auf den Weg gegeben hat: kein Geld, kein Haus! Mein Tipp: Gib erstmal nur die Kohle aus, die du hast und frage dich sehr genau, ob du den Kredit wirklich brauchst! Immer mehr Menschen bezahlen ihren Jahresurlaub auf Kredit! Das ist doch Wahnsinn! Sie sind dann schon wieder urlaubsreif und stottern immer noch längst vergessene Ferien ab! Es ist halt leicht, alles und jedes auf Pump zu zahlen. Aber nur weil es leicht ist, muss ich es ja nicht tun!“

Was machen Leute anders, die mit ihrem Geld besser auskommen, anders als andere?

„Sie gehen kontrollierter und mit mehr Überblick und Weitsicht mit ihrem Geld um. Sie kennen ihr Budget und teilen es ein. Das hat natürlich mit Disziplin zu tun. Und natürlich tut es gelegentlich weh, auch mal zu verzichten. Eine individuelle Analyse ist eminent, um seine persönliche Situation zu kennen. Natürlich ist es auch ein wenig Veranlagung. Manche horten, andere geben aus. Für jeden sollte sich die Frage stellen: was will ich vom Leben? Was habe ich vor mit meinem Geld? Leben im hier und jetzt oder doch lieber sparen, um mit 50 die Arbeit an den Nagel zu hängen und angstfrei schlafen zu können. Und für alle, die gern mal den Überblick verlieren, noch ein Tipp: zahlen Sie bar! So oft es geht! Am besten immer!“

Warum?

„Eine Kredit- oder EC-Karte ist schnell gezückt. Kaufe ich mit Bargeld, ist es ein richtiges Geschäft: Ware gegen Geld. Bei Kartenzahlung muss ich nichts hergeben und bekomme trotzdem etwas. Und am Monatsende noch die dicke Überraschung oben drauf.“

Sie sehen jeden Tag, was Geld mit Menschen macht, wenn man es nicht hat. Was macht das mit Ihnen?

„Manchmal ist es auch für mich extrem. Wenn Menschen vor mir sitzen, die vorher schon nichts hatten und jetzt nicht mal mehr den Kühlschrank füllen können, ist es hart. Ja.“

Angeblich macht Geld allein ja nicht glücklich…

„Ich kenne Menschen, die sich nie wieder Gedanken um Geld machen müssen und die trotzdem permanent unzufrieden sind. Auf der anderen Seite erlebe ich so manche alleinerziehende Mutter, der das Wasser bis zum Hals steht, die aber dennoch glücklich ist. Geld spielt dann keine übergeordnete Rolle mehr, wenn man seine Rechnungen und sein Leben bezahlen kann.“

Das klingt tröstlich, aber im Grunde ist ein Leben ohne Geld in unserer Gesellschaft ein Alptraum. Deshalb nehmen viele ein überzogenes Konto gern in Kauf…

„Das Problem geht viel tiefer. Schulden sind gesellschaftlich immanent und gewollt. Wir werden zum Schuldenmachen verführt. So werden Abhängigkeiten geschaffen für Konstruktionen, die wir gar nicht mehr durchschauen. Nie war es so leicht, Kredite zu bekommen oder in Raten zu zahlen. Wir befinden uns dann mit Pech lebenslang in einer Schleife, in der Bedenken, Angst und Befürchtungen unser Leben prägen. Dadurch sind wir leichter steuerbar und aufgrund der daraus resultierenden Existenzängste nicht mehr in der Lage, bewusst entgegenzusteuern. Ein Teufelskreis.“

Wann kommen Menschen in der Regel zu ihnen?

„Meistens in dem Moment, wo wirklich nichts mehr geht. Wenn Geldeintreiber und Gerichtsvollzieher vor der Tür stehen und die Post schon ewig nicht geöffnet wurde. Ich wünschte mir manchmal, dass Betroffene früher den Mut hätten, sich ihrem Schicksal zu stellen. Dann können wir anders agieren. Selbstreflektion ist sicherlich ein wichtiges Stichwort. Wenn ich meine Situation erkenne, kann ich mich ihr stellen. Und habe ich noch Hilfe an meiner Seite, ist noch nichts verloren.“

Wie können Sie den Menschen helfen?

„Wir versuchen, den Menschen, die sich uns anvertrauen, die Angst zu nehmen. Daraus mündet aber auch die wichtigste Basis dieser Zusammenarbeit: Gegenseitiges Vertrauen. Wir müssen darauf vertrauen, dass unsere Mandanten sich legal verhalten. Auf der anderen Seite arbeiten wir an Lösungen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten und gesetzliche Grundlagen, die wir juristisch verankert gehen können – von der Einmalzahlung zur Entschuldung bis zur Privatinsolvenz. Es ist kein leichter Weg, aber es ist eine große Chance, noch einmal alles auf Null zu stellen. Und mit einer Erfahrung mehr den Rest seines Lebens entspannter zu leben. Jedes Ding hat seine Zeit, jede Zeit hat ihr Ding: gemachte Erfahrungen sind ein großer Schatz, wenn man daraus lernt.“

Wofür geben Sie Ihr gern Geld gern aus?

„Ich ziehe mich gern hübsch an. Manchmal deshalb auch für hochwertige Dinge, dann aber Second-Hand. Mich stört, dass vieles billig produziert und schon nach kurzer Zeit entsorgt wird.“

Lieben Dank, Irina. Ich bin jetzt schlauer, vielleicht auch etwas vorsichtiger und habe tatsächlich mal zusammengerechnet, wie hoch meine monatlichen Belastungen wirklich sind. Puh! Daraus resultiert, dass ich mal wieder meinen Stromanbieter wechseln werde und nach einem neuen Handytarif gucke. Und ich habe beschlossen, mal eine Weile in bar zu zahlen. Aber trotzdem – auch wenn Geld final angeblich nicht wirklich glücklich macht, wäre ich wirklich sehr gern reich;-)

 

 

Posted by:macontini

Berlinerin, Journalistin mit Zeitungs-, Radio- und TV-Vergangenheit, Autorin, PR-Frau, alleinerziehende Mutter, Hundebesitzerin, Katzenliebhaberin, Kämpferin, Träumerin und Neuerfinderin. Bewegung ist Glück. Und das am liebsten schnell… in den Fingern, im Kopf und den Beinen. Ich mag es, dem Leben immer wieder das Besondere abzutrotzen und sich den unterschiedlichsten und meistens unerwarteten Herausforderungen zu stellen. Zugegeben – das ist nicht immer einfach. Aber einfach kann ja jeder!

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