Carl und Sophie: Feine Küche an der Spree

Carl und Sophie: Feine Küche an der Spree

Innovative Küche am Wasser

Kurz vor sechs Uhr reißt der Berliner Himmel auf und taucht die Terrasse des Restaurants Carl & Sophie in leuchtende Abendsonne. Was für ein Glück, erwartetet uns doch heute Abend ein ganz besonderes Dinner. Denn zweifellos ist das Spreerestaurant eine der Top-Locations für Feinschmecker, die in Berlin am Wasser essen möchten. Für uns kommt es sogar noch besser, denn wir werden die innovative Küche von Chefkoch Maico Orso auf der schmucken Motoryacht Aida erleben.

Ein Gläschen Champagner auf der Spreeterrasse

Während wir auf der Spreeterrasse des Carl & Sophie Bollinger Special Cuvée brut aus der Magnumflasche genießen, liegt unter uns die AIDA zu Anker. Ganz wunderbar passen zum feinen Aperitif das Roastbeef black & blue und der roh marinierte Kohlrabi mit Pfifferlingen, der ein gutes Beispiel für die Gemüseküche von Maico Orso ist. Der ist leider krankheitsbedingt verhindert, wird aber durch seinen sympathischen Sous-Chef Martin Höse würdig vertreten. Neugierig gemacht von den ästhetisch wie geschmacklich anregenden Entrées begeben wir uns also beschwingt auf das Schiff.

Kulinarische Überraschungen an Bord der AIDA

Weil es plötzlich so schön warm ist, lassen wir uns geschlossen auf dem Open-Air-Teil der Aida nieder. Als erstes wird „Makrele Hausfrauen Art“ serviert, einem mit feiner Ironie gewählten Titel, der eher nach den in Sahnesoße schwimmenden Apfel- und Fischstücken meiner norddeutschen Großmutter klingt. Hier hingegen handelt es sich eher um eine Dekonstruktion des eben genannten Rezeptes, dessen traditionelle Zutaten Apfel, Zwiebel und Sauerrahm einzeln angerichtet auf dem Teller landen. Auf diese Weise machen sie als geschmacklicher Kontrapunkt zur strengen Makrele auch optisch eine äußerst elegante Figur. Ein echter Knaller ist unser erster Hauptgang „Melone medium rare“, ein unter kräftiger Barbecue-Salsa verstecktes Stück gegrillte Wassermelone. Geschmackvoll begleitet wird sie von fruchtigem Maisstampf, sahnigem Kartoffelpüree und eingelegten Jalapenos. Während Melone vom Rost gern mal eine schleimige Konsistenz annimmt, stimmen Frische und Knackigkeit hier. Darüberhinaus verbinden sich die süß-fruchtigen Aromen hervorragend mit den salzigen Rauchnoten der Sauce.

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Überzeugende Weinbegleitung

Nach einem schlanken Weissburgunder Kalkfels 2018 vom Weingut Janson Bernard aus der Pfalz steigert sich die Aromafülle im Glas beträchtlich. Im Anschluss bekommen wir nämlich einen phänomenalen 2014 Niersteiner Pettenthal Riesling GG vom Weingut Louis Guntrum aus Rheinhessen. Dieses große Gewächs vom berühmten Roten Hang überzeugt durch eine konzentrierte Frucht und einen langen, mineralischen Abgang. Wow, was für ein Riesling! Zum zweiten Hauptgang, einer geschmorten Lammschulter ohne jegliche unschöne „Hammel“-Note, schenkt uns ABION-Geschäftsführer Gunnar Gust einen 2004 Aalto PS Ribera DEL Duero aus der Magnumflasche ein. Dieser im Handel fast überall ausverkaufte Top-Wein der Bodegas Aalto aus 100% Tempranillo begeistert mit Eleganz, Power und einer ausgewogenen Frucht-Säure-Balance. In ihrer Qualität stehen beide stellvertretend für die über 120 Positionen umfassende und äußerst fair kalkulierte Weinkarte des Carl & Sophie.

Das süße Finale: Ein grünes Gemüsedessert

Als wir vor ein paar Wochen das Dessert „Grün, Grün, Grün“-Dessert im besternten Restaurant Golvet (vgl. dazu unsere Restaurantkritik vom Golvet) probierten, waren wir begeistert von dieser Neuinterpretation des süßen Abschlusses: Weg von der Frucht, hin zum Salat. Dementsprechend nicht mehr ganz so überraschend, aber nicht minder beeindruckend entpuppt sich die Gemüsedessert-Variante von Maico Orso, „Kopfsalat, Passionsfrucht, weiße Schokolade“. Herrlich zergehen die gar nicht so widersprüchlichen Aromen am Gaumen. Dieser kämpft eher mit den Bitternoten der leuchtend grünen Komposition aus der Haussekt-Cuvée, Passionsfruchtessig und Kopfsalatsaft. Beide zusammen genossen erweisen sich nach ein paar Bissen und Schlucken dann allerdings doch als Erfolg auf ganzer Linie.

Was für eine schöne Stadt: Berlin aus Wasserperspektive

Unglaublich, was Martin Höseso alles aus der Kombüse zaubert und wieviele Flaschen aus den Tiefen des Schiffsbauches auftauchen. Während wir uns dionysischen und kulinarischen Freuden hingeben, gleitet unsere Aida über das Wasser: Wir passieren das Kanzleramt. das Pergamonmuseum und die East Side Gallery, bevor wir unter der Oberbaumbrücke hindurchfahren und die Molecule Men zum Anfassen nah zu passieren. Es wird Nacht, wir sind selig ob dieser herrlichen Wasserperspektive und plötzlich versöhnt mit unserer lauten, schmutzigen, wunderschönen Stadt. Schöner kann man in Berlin am Wasser kaum essen. Danke dem Team von Carl & Sofie für diesen unvergesslichen Abend! Ach ja: Gibt es diese unwiderstehlich buttrig-süßen, in braunes Packpapier gewickelten Karamel-Bonbons auch in der Familienpackung?

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P.S. Unser Event-Tipp für alle, die Lust auf mehr bekommen haben und Maico Orsos Küche nicht nur am, sondern auch auf dem Wasser genießen möchten:

Cheese on the Water: Maico Orso und Fritz Blomeyer

An drei Freitagen gibt es in diesem Jahr die Gelegenheit, einen besonderen Käseabend mit Maico Orso und Fritz Blomeyer zu erleben: am 23. August, am 13. und 20. September – jeweils von 18:00 bis 22:00 Uhr. Inklusive Weinen, Wasser, acht verschiedenen Käsesorten und einem Vier-Gang-Menü kostet die kulinarische Spreefahrt Preis: 129 Euro pro Person. Mehr Infos: Cheese on the Water

Aperitivo in Berlin: Das Spritz & Italian Food Night Festival

Aperitivo in Berlin: Das Spritz & Italian Food Night Festival
Berlin liebt den Spritz!

Berlin liebt den Spritz – Berlino ama lo Spritz! Das Spritz & Italian Food Night Festival zelebriert den Aperitivo in Berlin. Eine herrlich laue August-Nacht und der loungige OST Hafen-Beach liefern beste Vorraussetzungen für eine ausgelassene Sommerparty. Jetzt fehlt nur noch ein leckerer Aperol-Spritz, und unsere Blaue Stunde ist perfekt. 3,50 Euro kosten die vier verschiedenen Spritz-Variationen an diesem Abend. So begeben wir uns beseelt von fröhlichem Italo-Pop auf die Suche nach unserem ersten Aperitivo.

Aperol oder Campari: Spritz oder nicht Spritz

Wir entscheiden uns für die Hauptbar. Hier wird uns ein Spritz serviert, der alles ist, nur nicht spritzig. Er wird nämlich mit Wein (aus der Zweiliterflasche) zubereitet statt mit Prosecco. Auf die Erklärung der Barfrau, dass man den in Italien „immer“ so trinke, wollen wir jetzt nicht weiter eingehen. Auch nicht auf den recht großzügigen Wasseranteil im Aperitif. Schließlich versteht es sich fast von selbst, dass man zu diesem Preis weder einen Prosecco Superiore noch eine besonders hohe Produktkonzentration ins Glas bekommt. Um so freudiger überrascht sind wir vom Amalfi-Spritz am angesichts der frühen Stunde noch gänzlich unumlagerten Campari-Stand. Der Barkeeper reicht uns einen tiefroten Aperitif (diesmal kein Plastik-Glas) mit Campari, Bitter Lemon und Grapefruitscheibe, der mit seiner knackigen Bitternote überzeugt. Er zaubert so sehr Amalfi-Feeling, dass wir uns -oops – bei einem viertelstündigen Austausch über Heidi Klums (bzw. jetzt Kaulitz‘?) Hochzeit auf Capri erwischen.

True Italian widmet sich dem italienischen Aperitif in Berlin

Wie schön, dass sich die unermüdlichen Hüter des echten italienischen Geschmacks nach den nun erneut dem italienischen Aperitivo in Berlin widmen (siehe auch unseren Beitrag zu 72hrs True Italian Food). Das True Italian Projekt ist ein Netzwerk hochwertiger italienischer Restaurants, Bars und Foodtrucks in Berlin. Es hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die Qualität und Authentizität von italienischen Aromen zu fördern und zu kultivieren. Ohne Zutaten und Rezepte von schlechter Qualität, die mit echter italienischer Küche nichts zu tun haben. Derzeit gibt es in Berlin, wo die Marke im Jahr 2015 gegründet wurde, ca. 80 True Italian Lokale.

Italienisches Streetfood: Pizza Fritta und andere Sünden

Bevor sich die Location so richtig füllt, schreiten wir zur Frage nach der Wahl des Essens. Denn auf diesem Sommerfest sind nicht nur Spritz-Bars vertreten, sondern auch die bereits vom erfolgreichen Italian Street Food Festivals im Juni bekannten Food-Stände. Zur Auswahl stehen Köstlichkeiten wie Garnelenspieße, Pinsa Romana, Supplì, frittierte Pizza, Arrosticini aus den Abruzzen, Arancini, Panzerotti, Eis, Ricotta Cannoli, Pane und Panelle. Für mich führt kein Weg vorbei an der göttlichen frittierten Pizza von Malafritta – I fritti di Malafemmena, während Martina sich der Illusion hingibt, dass ein Panino Caprese die leichtere Variante sein könnte. Als ich mit der fetten Beute unseren Platz erreiche, zieren bereits mehrere Fetttropfen Kleid und Beine. Aber nicht einmal das tut dem Genuss der Bombe von Berlins Pizzagott Emmanuele Cirillo Abbruch. Pures Glück jenseits von Punktezählen, Intervallfasten und anderen Ernährungslehren.

Dolce Finale: Cannoli siciliani

Für mit frischem Ricotta gefüllte Cannoli Siciliani würde ich sterben. Ein Besuch bei den Pasticceri des Caffè Focacceria San Francesco stellt also geradezu ein Muss dar. 5 Euro sind ein stolzer Preis für einen Cannolo, für den in Palermo etwa die Hälfte berechnet wird. Da jedoch alle hochwertigen Zutaten original aus Sizilien nach Berlin kommen und das Gebäck stets frisch zubereitet wird, rechtfertigt sich der hohe Preis. Wir haben hier also quasi das Umkehrbeispiel zum vorher beschriebenen Aperol Spritz. Getoppt wird der vollkommene Geschmack höchstens noch von den sizilianischen Cassatelle. Die mürbe Pastafrolla ist ebenfalls mit einer Ricottacrème gefüllt und passt am nächsten Morgen perfekt zum Kaffee.

Das beste italienische Eis der Stadt

Unser zweites Dessert genehmigen wir uns am Stand von der in der Max-Beer-Straße in Mitte ansässigen Eisdiele Cuore di Vetro eine Kugel (oder besser gesagt einen überaus großzügigen Spatel) White Duke (Mandeleis, karamelisierte Mandel und Aprikosenkonfitüre) mit einem Extraklecks schokoladigem Bacio für Martina. Wie unglaublich lecker die Kreationen der talentierten Gelatiera Angelika Kaswalder schmecken: Ihrem klassisch italienischen Eis verleihen immer neue, innovative Rezepte und ausgefallene Zutaten den ganz besonderen Twist.

Das Only-Spritz-Konzept geht auf

Inzwischen hat sich der Osthafen kräftig gefüllt, die Schlangen an den Aperitif-Ständen verlängern sich ins Uferlose. Die doppelte Anzahl an Bars wäre dem Andrang besser gewachsen gewesen. Zum Glück waren wir schon zu früher Abendstunde zum Spritz & Italian Food Night Festival gekommen und dementsprechend schnell zu unseren Drinks. Das Konzept der Förderung der Kultur des Aperitivo in Berlin geht auf: Überall leuchtet es orange in den Gläsern, selbst Mitte-Hipster halten statt der obligatorischen Bierflasche aus dem Schwarzwald ein Glas Spritz in der Hand.  Ab 22 Uhr geht es mit einer riesigen Indoor-Party weiter. Wir freuen uns auf das nächste Spritz Festival und noch ein bisschen mehr italienische Aperitifkultur in Berlin.

Layla Berlin: Der große Moment israelischer Küche

Layla Berlin: Der große Moment israelischer Küche
Starkoch Meir Adoni steht am Herd des Layla Berlin

In der Küche des vor knapp einem halben Jahr eröffneten Restaurant Layla steht nicht irgendjemand am Herd. Verantwortlich für das Restaurant im Hotel Crowne Plaza zeichnet der israelische Starkoch Meir Adoni. Er hat sich mit seiner nahöstlichen Küche bereits in New York und Tel Aviv einen Namen gemacht. Wir trafen am vergangenen Samstag einen charismatischen, leidenschaftlichen Chef und probierten Gerichte, die in ihrer raffinierten Gewürz- und Aromenvielfalt begeistern und überraschen. Die halbe Stadt spricht vom neuen Layla Berlin, und es ist aktuell die erste Wahl, wenn man zum Beispiel mit anspruchsvollen Londoner Freudinnen hip essen gehen will. „Now it is our time“ sagt Meir und meint, dass nach diversen Gastrotrends wie italienisch, koreanisch und zuletzt peruanisch nun die nahöstliche Küche die Welt erobert. In der Tat sorgen in Berlin bereits Restaurants wie das NENI oder der Frühstückshotspot Benedict für lange Warteschlangen.

Traditionell mittelöstliche Küche

Liest man die Karte des Layla Berlin, klingen die Namen auf den ersten Blick traditionell nahöstlich und verraten nicht nur Meirs Geburtsort Israel, sondern auch seine marokkanischen Wurzeln. Nach typisch askenasischen Gerichten wie Gefilte Fisch wird man hingegen vergeblich suchen, denn Adoni gehört den Mizrachi, den orientalischen Juden, an. Er kocht außerhalb Israels auch nicht koscher, sondern nimmt dies mit seinen „Gefilte Shrimps“, die in New York auf der Karte stehen, auf die Schippe. Ein schönes Beispiel für jene typisch jüdische Selbstironie, wie sie Dany Levy so herrlich in seinem Film „Alles auf Zucker“ zelebriert hat.

Desserts mit Meir Adonis Handschrift

Meir Adonis unverwechselbare Handschrift offenbart sich spätestens, als die Vorspeisen auf dem Tisch stehen. Die geräucherten Forellen Doughnuts (Achtung: essbar sind nur zwei überaus köstliche, süß-sauer-rauchige Pralinen aus Fisch, Medjoul-Datteln, Mandeln und Mandarinenvinaigrette, der Rest sind Dekosteine) und das geräucherte Auberginencarpaccio sind Signature Dishes, die in Berlin ebenso begeistern wie in New York. Das orienteppichartig anmutende, auf einem runden Teller servierte Carpaccio hat ein dezidiertes Raucharoma. Es wird durch Dattelhonig, Rosenblüten und „Fetaschnee“ abgefedert und von crunchigen Pistazien getoppt. Seine Aromenvielfalt (es stecken an die 30 Zutaten darin) begeistert uns ebenso wie die der Doughnuts.

Pancakes crazy interpretiert

Die absolute Krönung sind die in der Zubereitung äußerst aufwändigen und außen schlicht wirkenden libanesischen Pancakes Quatayef mit scharf gewürzter confierter Ente und Chilivinaigrette. Ihre Süße erinnert daran, dass es sich ursprünglich um ein Ramadan-Gericht handelt – to die for! In diesen Startern findet sich die Essenz dessen, was Meir Adoni unter seiner „crazy interpretation“ traditionell israelischer Küche versteht. Er ergänzt klassische Gerichte durch individuell eingesetzte, moderne Elemente wie die Techniken avantgardistischer Küchenstile. Insbesondere bedient er sich der Nordic Cuisine, die er unter anderem im Kopenhagener Noma erlernt hat.

West-östliche Geschmackssynthese

„East meets West, Past meets Future“. Daran denken wir auch bei der Jemenitischen Kubbana Brioche, die in ihrer buttrigen Fluffigkeit genauso gut von Lenôtre (ebenfalls einer der Lehrmeister Adonis) stammen könnte. Die dazu gereichte Paprika Aioli ist für meinen Geschmack einen Tick zu mayonnaisig, während das Doah mit Olivenöl köstlich zum Brot passt. Den japanisch anmutenden Gelbschwanzmakrelen-Tatar Kubania empfinden wir nach den diversen Raucharomen als fast blass. Angesichts des Preises von 27 Euro für ein Gericht in der Größe eines Nigiri schließen wir, dass es sich bei dieser Makrele um einen sehr teuren Fisch handeln muss. Apropos Preise: Auch ein limitierter Sneaker und die betont nachlässige Jogginghose der Mitte-Hipster können durchaus soviel wie ein Chanel-Kostüm kosten. So sollte man sich vom lässig-stylischen Look des Layla ebenfalls nicht täuschen lassen, wir bewegen uns auf Fine-Dining-Level. Der hervorragende Wein (Dalton aus dem Norden von Israel) kostet stolze 11 Euro pro Glas. Und so kann ein frugaler Abend zu zweit mit Getränken locker 200 Euro kosten.

Das beste Couscous der Welt

Zurück zum Essen. Nach den  „Something to start“-Gerichten, die im „Family Style“ geteilt werden sollen, erreicht uns ein göttliches vegetarisches Couscous. Es geht auf ein Geheimrezept von Meirs marokkanischer Großmutter zurück. Auch hier wird die Tradition weitergedacht, verfeinert und modernisiert. Bisher waren alle marrokanischen Couscous‘, die ich gegessen habe, irgendwo zwischen rustikal, ernährungsphysiologisch wertvoll und langweilig-sättigend angesiedelt. Dieses hier hingegen wird von Tershi, einem scharfen Kürbissalat begleitet. Zusammen mit Harissa und diversen geheimnisvoll zubereiteten Gemüsen und Kräutern entfaltet sich ein wahres Geschmacksfeuerwerk. Als ich mit einem seligen Lächeln auf den Lippen von „the best couscous I ever had in my life“ schwärme, gibt sich Meir keineswegs überrascht. Der vielgereiste Food-Chef der New York Times habe ihm nach unzähligen Couscous in seinem „Nur“ exakt das Gleiche gesagt…

Das Team brennt fürs Layla Berlin

Meir Adoni ist Lob gewöhnt und weiß, dass er gut ist. Trotzdem wirkt dieser jungenhafte, von Leidenschaft für seine Küche, seinen frischgeborenen Sohn (sein fünftes(!) Kind) und seine Familie brennende Chef unglaublich sympathisch. Zusammen mit seiner großartigen Geschäftspartnerin Lilach  reißt er das gesamte Team mit. Direkt vor der offenen Küche des Layla Berlin platziert, erleben wir die ganze Konzentration, die Präsision und den Druck, unter dem das Küchenteam steht. Und das sich nicht anmerken lässt, wie viel Können hinter der hier gelebten Gastfreundschaft steht. Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle an Wowa, der uns so wunderbar umsorgt hat.

Balance zwischen Süße und Säure beim Finale

Wir bekommen jetzt noch zwei Desserts, und zwar das großartig zwischen Süße und Säure, crunchy und creamy ausbalancierte East meets West sowie Malabi Rose. Bei letzterem handelt es sich für eine selbst für europäische Verhältnisse überraschend unsüße Nachspeise aus Kadaif (knusprige Nudeln), kandierter Pistazie, Rhabarber Konfitüre, Kirschsorbet und Hibiskus. Und dann, als die Anspannung kurz abebbt, wird gelacht, ein Glas Wein getrunken und vor dem Hotel eine Zigarette geraucht. Nachdem auch eine plötzlich einfallende Riesengruppe junger Israelis versorgt ist, kommt Meir Adoni noch mindestens 20 Selfie-Wünschen seiner jungen Fans nach. Mit einem taufrischen Lächeln, dem die zehn zurückliegenden Stunden harte Arbeit nicht im Entferntesten anzusehen sind. Danke an Meir, Lilach, Stella und das gesamte Team für diesen Abend!

P.S. Das Layla Berlin verfügt unter der Leitung des italienischen Mixologen Emanuele Broccatelli über eine einzigartige Bar, in der analog zu Meir Adonis Küche Drinks aus Kräuteraufgüssen und subtilen Gewürzkombinationen gezaubert werden. Mehr dazu demnächst auf Aperitivista!

Württemberg trifft Berlin: Lotte Lenya bekommt eigene Weinlinie

Württemberg trifft Berlin: Lotte Lenya bekommt eigene Weinlinie

 

 

Eine der berühmtesten Künstlerinnen der 20er-Jahre war Namensgeberin für eine neue, hochwertige Weinlinie: die Lotte Lenya-Edition. Am vergangenen Dienstag waren wir dabei, als sie im Württemberger Weinhaus Berlin zusammen mit einem Pairing von Berlins Käselegende Fritz Blomeyer der Presse vorgestellt wurde. Wir waren besonders gespannt auf dieses Weintasting, denn schließlich hatte die erste „Edition Spätburgunder 2013“ vom Collegium Wirtemberg bei der Berliner Weintrophy 2018 direkt Gold geholt und ist längst ausverkauft – zu Glück waren für diesen Abend einige Flaschen gesichert worden.

 

 

Moderiert wurde die Weinprobe von René Arnold, Geschäftsführer des Württemberger Weinhauses und Initiator der Lotte-Lenya-Linie. Hinter dem vor gut einem Jahr gestarteten Projekt stand seine Idee, eine genussvolle Brücke zwischen seiner Heimatstadt Berlin und der traditionellen Weinexpertise der württembergischen Weingärtnergenossenschaften zu bauen. Nach mehr als vier Jahren Zusammenarbeit mit den Württemberger Weingärtnern (das ist der schwäbische Ausdruck für Weingenossenschaften) weiß er genau, zu welchen Höchstleistungen die oft unterschätzten, für das Überleben der Weinbauern aber immens wichtigen Genossenschaften fähig sind. „Gerade die Burgundersorten eignen sich bestens für Weine auf hohem, internationalen Niveau, die in ansprechender Aufmachung auch auf dem speziellen Berliner Markt hervorragend ankommen.“ weiß Arnold. Er definierte also seine Vorstellungen von der Qualität des Weines und sorgte dafür, dass die guten Tropfen entsprechend gelabelt und vermarktet werden. Sein Grafiker entwarf die Wortmarke und die puritisch schwarz-weißen Etiketten, und nachdem er sein erstes, bemerkenswert gutes Fass vom Collegium Wirtemberg bekommen hatte, ließen sich auch weitere Kellermeister für seine Idee begeistern. „Am Anfang wurde ich mit meiner Idee für ein bisschen verrückt gehalten“ erzählt Arnold. „Trotzdem haben mich die Winzergenossenschaften und die Geschäftsführer des Weinhauses, Ulrich Breutner und Dieter Weidmann, von Anfang an auf ganzer Linie unterstützt – und das über die 630 km zwischen Berlin und Möglingen hinweg“, freut sich René Arnold.

 

Bisher umfasst „Lotte Lenya“ vier Weine: einen Spätburgunder, eine Rotwein-Cuvée, eine Cuvée aus Weiss- und Grauburgunder sowie einen Riesling Sekt. Mit letzterem starten wir in den Abend und sind direkt schockverliebt: der Riesling Sekt Brut 2017 der Winzer vom Weinsberger Tal lässt unsere Aperitiv-Herzen höher schlagen, und zusammen mit der nicht nur optisch bemerkenswerten „Engelsbrust“ vom Capriolenhof aus der Uckermark beginnt der Abend genauso, wie wir Aperitivistas es lieben. Es folgt der die Edition Weiss- und Grauburgunder 2017 von den Weingärtnern aus Cleebronn-Güglingen, die regelmässig mit ambitionierten Weinen begeistern. Von der weißen Cuvée sind alle Anwesenden hin und weg, besonders weil es dazu auch noch die sahnige „Antons Liebe“ von der Käserei zur Wies gibt.

 

Württemberg ist vor allem bekannt für seine Rotweine, und da geht weit mehr als der schwer über die regionalen Grenzen hinaus vermittelbare Trollinger. Besonders viel Potenzial haben die Burgundersorten, und genau die finden wir in der 2016er Rotweincuvée von der zweitgrößten Weingenossenschaft des Ländles, der Württembergischen Weingärtner Zentralgenossenschaft. René Arnold schreibt ihr eine „wahnsinnige Trinkigkeit“ zu, und in der Tat hat sie eine frische Note bei gleichzeitig starken Aromen, „sie riecht wie ganz Untertürkheim“ wie meine Nachbarin begeistert ausruft. Der ausgesprochen würzige Weinbauernkäse Classico von der Dorfkäserei Geifertshofen, der in der Reifephase mit Weinen aus denselben Rebsorten wie in der Rotwein Cuvée von 2016 abgerieben wurde, holt den Wein perfekt ab. Zum Abschluss gibt es den prämierten Spätburgunder aus dem eher kühlen Jahrgang 2013, der vier Jahre im 500 Liter-Faß gereift ist und bei perfekt ausbalancierter Säure eine wunderbar dunkle Aromatik von Pflaumen und Brombeeren aufweist. Das Konzept geht offenbar auf und die Zusammenarbeit zwischen Berlin und Württemberg funktioniert. Nach diesem Tasting sind wir gespannt auf die kommenden Lotte-Lenya-Editionen und wünschen René Arnold und den Württemberger Weingärtnern weiterhin viel Erfolg!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Indische Küche mit Anspruch: Der India Club im Hotel Adlon

Indische Küche mit Anspruch: Der India Club im Hotel Adlon

Als ich das letzte Mal auf der Rückseite des Adlons zu Gast war, hieß das Restaurant noch „Le Petit Felix“, das wiederum das „Gabriele“ abgelöst hatte. Leicht hatte es diese zugige Ecke im Niemandsland zwischen Botschaften, Brandenburger Tor und Potsdamer Platz nie, und nun ist mit dem India Club ein Restaurant eingezogen, das in Berlin Maßstäbe setzen und mit „nordindischer Küche, wie Sie sie nur aus London oder Indien selbst kennen“ überzeugen will. Die Kritiken zur Eröffnung vor zwei Jahren habe ich bewusst erst nach dem Essen gelesen, und das war auch gut so – so wußte ich nichts von den allzu hohen Erwartungen, die Anno August Jagdfeld (der India Club wird von seiner China Club Verwaltungs-GmbH gemanagt) seinerzeit bei den Gourmets geweckt und zwangsläufig enttäuscht hatte.

Herzlich empfangen wurden wir mit Ruinart-Champagner und Mango-Lassi – kein schlechter Einstieg also, um das von Anne Marie Jagdfeld in Zusammenarbeit mit dem Londoner Innenarchitekten Richard Blight gestaltete Restaurant in Ruhe auf uns wirken zu lassen. Das dunkle Holz bildet einen schönen, kolonial anmutenden Kontrapunkt zu den indisch farbenfrohen Uniformen des ausgesprochen zugewandten und erklärungsfreudigen Servicepersonals, den bunten Lüstern und den extra angefertigten bunten Porzellantellern.

Als Küchenchef für die „Authentic North Indian Cuisine“ heuerte Jagdfeld seinerzeit Manish Bahukhandi an. Er wirkte bereits in renommierten indischen Restaurants als Sous-Chef und steht für die indische „rustic cuisine“, dem asiatischen Pendant zur vielerorts in Deutschlands anspruchsvollen Restaurants praktizierten produktorientierten Regionalküche. Dazu passen auch die in Deutschland eher selten anzutreffenden Tandoori-Öfen aus Lehm, in denen Brot, Fleisch wie das berühmte Tandoori-Chicken und Gemüse vitaminschonend, geschmackssteigernd und gesund gegart werden. Und natürlich, dass das Fleisch vom „Gut Vorder Bollhagen“ kommt – einigen wahrscheinlich bekannt aus Heiligendamm, denn auch die dortigen Restaurants werden mit dem Biofleisch des Gutes der Familie Jagdfeld versorgt.

Zum Einstieg werden drei verschiedene Chutneys (Mango, Tamarinde und grüne Kräuter) mit zu Tütchen gerollten Papadams serviert, die sehr köstlich sind und perfekt als Aperitif zum Champagner passen. Als Vorspeise gibt es „Kohlrabi Apple Salad“ mit saurer Mango, Minze und Ingwer, hübsch angerichtet – frisch, aber ein bisschen blass und eher progressiv norddeutsch als indisch anmutend. Das Chicken Cafreal im Anschluss kommt sehr schön würzig mit Koriander, Mohnsamen, Nelke, Ingwer und Knoblauch daher, abgerundet mit einer süßsauren Note aus Kokosnussessig. Wer bis jetzt geglaubt hat, die Nordinder würden nicht scharf essen (oder eher, dass uns Deutschen wurde die Schärfe einfach nicht zugemutet werden wollte), wurde von der Meerbrasse „Sea Bram Pollichatu“ eines Besseren belehrt: In der als Beilage servierten Kümmelkartoffel sorgte eine ordentliche Dosis von grünem Chili für reichlich nervöse Hustenanfälle am Tisch. Die reizende Kellnerin (übrigens aus Thailand) brachte „zum Ablöschen“ umgehend ein paar Schälchen köstliches Raitu, einer Art Tsatsiki mit süßer Unternote. Bei beiden Gerichten folgten wir dem Rat, die Chutneys auch hier für zusätzliche Aromen einzusetzen, so dass wir wie auf der Homepage angepriesen tatsächlich in die ganze Welt der indischen Gewürze eintauchen konnten. Das Safran-Eis schmeckte nicht ganz so intensiv gewürzig wie erwartet, dafür überzeugte die indische Mango mit einer Aromafülle, die man bei den hiesigen Supermarktfrüchten höchstens erahnen kann (und weshalb ich für Desserts meist zur pürierten indischen Mango vom Asialaden greife).

Wir haben den India Club beseelt und mit einem Tütchen Chutneys für zu Hause verlassen: Toller Service, eine sehr balancierte, aromenreiche Küche und ein Interieur, das Spaß macht. Im Gegensatz zu früheren Rezensenten wurde uns nicht eines der besten indischen Restaurants Europas angekündigt – eher, dass der India Club es sich zum Ziel gesetzt hat, eine authentische, nordindische Küche auf hohem Niveau anzubieten und Gourmets davon zu überzeugen, dass sie in Berlin jetzt auch eine überzeugende Alternative zu den weder optisch noch geschmacklich einladenden Billig-Indern finden. Fairerweise muss man sagen, dass die Preise mit knapp 30 Euro pro Hauptgericht (inkl. der extra zu bestellenden Beilagen) auch sehr viel höher liegen, aber das ist bei ähnlichen Restaurants in Paris oder London nicht anders. Wir wünschen dem India Club jedenfalls viel Erfolg, mehr Bestand als seinen Vorgängern und vor allem hoffen wir für den sympathischen, ambitionierten Küchenchef Manish Bahukhandi, dass seine Familie endlich nach Berlin nachreisen darf.

INDIA CLUB RESTAURANT
Behrenstraße 72 | Adlon Palais
10117 Berlin (Mitte)

www.india-club-berlin.com

Fotos: India Club, Michele Ormas, Gesa Noormann

Karl Lagerfeld ist tot. Erinnerungen an zwei außergewöhnliche Begegnungen

Karl Lagerfeld ist tot. Erinnerungen an zwei außergewöhnliche Begegnungen

Vielleicht ist es 20 Jahre her, vielleicht auch länger. Aber es gibt Begegnungen und Erinnerungen, die unvergesslich und jederzeit abrufbar sind und auch nach Jahrzehnten noch Gefühle auslösen: Bei mir ist die Begegnung mit Karl Lagerfeld verbunden mit Aufregungen, Spannung, Nervosität, Panik, Frustration und Glück. Und ich bin über mich hinausgewachsen – das Schicksal ist manchmal wirklich ein Schelm.

Damals kam Karl Lagerfeld kam nach Berlin in das von ihm neu entworfene Schlosshotel Gerhus im Grunewald.   Für seine Designideen sollte dem Meister seine nach ihm benannte Suite lebenslang zur Verfügung stehen. Lagerfeld war damals schon ein Weltstar – Modedesigner, Fotograf, Verleger, Sammler. Eine Ikone, ein Genie, Visionär; einflussreich, mächtig, leidenschaftlich. Ein Mann mit tausend Talenten, der es hasste, sich zu langweilen oder von langweiligen Menschen umgeben zu sein. Ich war für ein Interview angemeldet. Und hatte Bammel – Lagerfeld galt als schwierig und mitunter zickig, ungeduldig und anspruchsvoll. Und ich war, nun ja: frech, vorwitzig, neugierig und jung. Damals noch als Chefreporterin beim Radio und mein Chef wollte, dass ich mindestens eine Stunde – unterbrochen von Musik – mit einem aufgezeichneten Interview füllen konnte. Das war schwierig: Lagerfeld sprach schnell in kurzen Sätzen, er hetzte durch die vielen Presse-Gespräche. Also hielt ich ihm mein Mikro vor den Mund und fragte drauf los. Heute würde ich mich vieles nicht mehr trauen (Erfahrungen bremsen die Spontanität  – damals gehörte mir die Welt;-) Lagerfeld müsste von klugen Fragen inspiriert werden – sonst verlor er die Lust. Also versuchte ich ihn zu inspirieren.  Ich hatte genau 20 Minuten. Und habe sie bis zur letzten Sekunde gefüllt. Was ich gefragt habe, weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich deutlich an das gelegentliche Zucken seiner Augenbrauen 😉

Mein Aufnahmegerät war so eine Art Kassettenrecorder – so haben wir damals noch Radio gemacht. Im Studio allerdings erwartete mich wenig später die größte Katastrophe, die ich bis dahin beruflich erlebt hatte: das Gerät hatte nicht aufgezeichnet! Mir wurde schwarz vor Augen und speiübel vor Angst! Kleinlaut beichtete ich diese Panne meinem Chef. „Egal wie Sie es anstellen, Frau Conradt! Sonntag läuft ein Interview mit Karl Lagerfeld. Die Ankündigung läuft bereits im Programm. Also besorgen Sie ein Interview!“ Das Gespräch war, nun ja, nicht wirklich freundlich verlaufen…

Karl Lagerfeld hatte Berlin natürlich längst wieder verlassen. Er stand kurz vor einer großen Modenschau in Paris. Rückblickend wundere ich mich über mich selber, wie ich es geschafft habe, Unmögliches möglich zu machen. Das erste Gespräch mit seinem Büro war ernüchternd: es gäbe eine Warteliste von MONATEN! Internationale Journalisten aller möglichen großen, mächtigen und einflussreichsten Zeitschriften würden geduldig warten, bis König Karl mal Zeit haben würde. Kurzum – es gäbe keinen Termin!!! Schon gar nicht für mich. So ein unbedeutender Radiosender in Berlin…. Mon Dieu!!!! Wie auch immer ich die Leute bequatscht habe… ich habe wirklich einen zweiten Termin bekommen: Am nächsten Tag in seinem Atelier bei Chanel in der Nähe der Avenue des Champs-Élysées in Paris. Ich flog also abends nach Paris – mein erstes Mal in der Stadt der Liebe. Nervös, mein Aufnahmegerät 2000mal gecheckt, völlig überfordert mit der Wahl meiner Garderobe (ich als Jeansmädchen habe mich für ein schreckliches braunes Kostüm entschieden – es muss in seinen Augen äußerst geschmerzt haben). Mein billiges Hotelzimmer war ein Dreckloch mit benutzter Bettwäsche, aber das war egal:  und meine Nerven lagen blank! Am nächsten Morgen war ich überpünktlich dort. Der Meister saß bereits an einem beeindruckend großen,  halbrunden Tisch.  Es wirkte wie eine futuristische Kommandozentrale. Vor ihm ein eleganter Behälter mit Bleistiften – alle hellgrün, in der gleichen Länge und sauber angespitzt. Ansonsten war der Tisch leer. Er arbeite schnell und konzentriert. Spindeldünne, blutjunge Models standen vor ihm, seine Schneiderinnen – alle nicht mehr jung – reagieren auf jeden Blick ihres Meisters. Sie steckten und rafften, schnitten und drapierten Stoffe auf dem Weg zur Haute Couture. Er selber dirigierte mit lässigen Handbewegungen, zuckenden Augenbrauen (das kannte ich ja bereits) und wenigen Worten. Seine Chef-Directrise schien immer schon Sekunden vorher seine Gedanken zu erraten.  Mich würdigte er keines Blickes.

So ging es Stunde um Stunde – ohne Pause. Nirgends schien auch nur eine winzige Lücke für mich eingeplant. Ich ging nicht auf Klo, aus Angst, meinen Slot zu verpassen –  und hatte nichts zu essen oder zu trinken dabei. Man bot mir auch nichts an. Ich saß am Rand des Ateliers und guckte zu. Meine Frustration und die Angst, nicht nur ohne Interview, sondern auch noch mit reichlichen Spesen meinem Chef unter die Augen zu treten, waren enorm. Nachmittags gab es eine winzige Pause. Die Models und Schneiderinnen, die Sekretärinnen, Pressemenschen und Musen, die überall rumlungerten, durften essen – es gab gekochten Schinken. NUR gekochten Schinken. Ohne Brot. Ich saß brav auf meinem Stuhl und wartete. 12 Stunden. Das war wohl meine Strafe für meine vorlaute Berliner Schnauze und die nicht so passenden Fragen, die ich gestellt hatte. Abends um 21 Uhr wurde ich erlöst. Er kam zu mir und beantwortete in seinem unnachahmlichen Stakkato meine Fragen. Ich hätte sauer sein müssen. Aber ich war nur dankbar. Ein großer Moment, den ich allein mit Karl Lagerfeld geteilt habe. Eine unvergessliche Geschichte in meiner beruflichen Biografie. Das erste Mal Paris und dann diese Begegnung. Es war die Vor-Handy-und-vor-Internet-Zeit… Kein Facebook, kein Twitter, keine Fotos. Aber die Bilder sind mir ins Herz berannt.

Heute habe ich einen Nachruf von einer bekannten Journalistin gelesen – sie hat über Lagerfelds geniales Lebenswerk referiert und es bedauert, es in 20 Jahren nicht geschafft zu haben, den Meister einmal zu interviewen. Nun, ich hatte ihn zweimal – innerhalb von drei Tagen. Und er verabschiedete mich tatsächlich mit einem Lächeln.

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Zum Foto: Es ist ein Handy-Schnappschuss von der magnetischen Bilderwand an meinem Kühlschrank. Leider keines von mir und Karl – das gibt es nicht. Aber Arnold Schwarzenegger und Gorbatschow sind ja auch nicht so übel. Das Baby ist übrigens meine Tochter, die ich damals mangels Babysitter mit auf die Pressekonferenz geschleppt habe. Im Anschluss durfte ich ihm einen Scheck überreichen. Wofür? Keine Ahnung, lange her…

Familientreffen des deutschen Films: Der Medienboard-Empfang zur Berlinale

Familientreffen des deutschen Films: Der Medienboard-Empfang zur Berlinale

Fotos: Aperitivista, Medienboard/Sebastian Gabsch

Alle waren sie da, die Größen des deutschen Film und Fernsehens. Über 2.000 Gäste feierten 15 Jahre Medienboard Berlin-Brandenburg am 1. Berlinale-Samstag im Ritz-Carlton am Potsdamer Platz und somit mitten im Berlinale-Epizentrum. Mit 18 geförderten Produktionen ist die MBB im offiziellen Festivalprogramm dabei, weshalb das gerade für weitere fünf Jahre im Amt bestätigte Geschäftsführungs-Duo Kirsten Niehuus & Helge Jürgens die Gäste auch sichtbar gut gelaunt begrüßte. „Der Junge muss an die frische Luft“ brachte einen „Scheck back“ und das internationale Branchenmagazin Variety präsentierte zum 5. Mal 10 Europeans to Watch, darunter Maria Dragus, Fahri Yardim und Aron Lehmann.

 

 

Wie immer war es rappelvoll und sehr warm – nie wieder werde ich im Smoking auf diese Party gehen! Ansonsten war das Outfit eine gute Wahl, denn im langen Abendkleid war hier kaum jemand unterwegs – eine der wenigen Ausnahmen waren die hinreißende Schauspielerin Dorka Gryllus und rbb-Berlinale-Expertin Marwa Eldessouky, die beide ein ganz ähnliches Hingucker-Tunika-Kleid von David Tomaszweski trugen, einmal in Pink und einmal in Grün.

 

 

Karoline Herfurth, Heike Makatsch, Katharina Schüttler, Tom Schilling und das Erfolgsgespann Mathias Schweighöfer und Florian David Fitz waren da, auch Regisseur Dietrich Brüggemann mit seiner Schwester Anna, die letztes Jahr die #nobodysdoll-Kampagne inizierte. Die Crew von „In aller Freundschaft“ war am Abend vorher bei der ARD Blue hour gesichtet worden, dafür sah ich Ludwig Telgte von „Deutschland 86“, Sonja Gebhardt (Ku’damm 56) sowie Hannah Herzog („Weissensee“). Als hoffnungslose Liebhaberin deutscher Vorabend-Serien (meine schlaue Freundin Christiane kann es bis heute nicht fassen, dass ich „Verbotene Liebe“ den allseits gehypten „Four Blocks“ vorziehe und das auch noch öffentlich auf einer sehr coolen Party zugegeben habe) konnte ich mein Glück kaum fassen, als ich Francis Fulton-Smith alias Dr. Kleist erblickte und meinen Töchtern (die meine banalen Fernseh-Neigungen geerbt haben) ein Selfie von uns beiden schicken konnte.

 

 

Und sonst? Das Angebot an prickelnden Getränken wurde selbstverständlich dem Aperitivista-Routinecheck unterzogen und erwies sich als erfreulich: Mein Favorit war der 2017 Riesling-Sekt Brut vom Weingut Pichterhof an der Mosel, der mir vom rheinland-pfälzischen Sponsor als qualitativ hochwertige Flaschengärung wärmstens ans Herz gelegt wurde, aber auch der Pinot Noir Rosé Brut war ausgesprochen gelungen. Dazu gab es einen gut gewürzten Linsensalat und, dem Anlass angemessen, warmes Kino-Popcorn. Bei den Desserts folgten wir der Empfehlung des Ritz-Patissiers Christoph Riedmann und genossen den köstlichen Apple Cheesecake.

 

 

Die Dr. Hauschka Green Styling-Lounge war diesmal weniger Styling als vor dem Spiegel posieren und ein kleines Video drehen lassen. Das war lustiger als gedacht und dank optimaler Ausleuchtung teint-schmeichelnder als befürchtet. Alles in allem ein sehr schöner Abend und eine angemessene Feier für die tolle Arbeit des Medienboards mit seinem großartigen Team, das bis auf Helge Jürgens tatsächlich weiblicher besetzt ist als in den meisten anderen Bereichen der Filmbranche – weiter so!

 

 

Württemberg goes Berlin: Lange Nacht der Weine in der Arminiusmarkthalle

Württemberg goes Berlin: Lange Nacht der Weine in der Arminiusmarkthalle

 

An das inzwischen zur lame duck mutierte Klischee der Schwabeninvasion in Berlin dachte an diesem Abend in der Arminiusmarkthalle wohl kaum einer. Neben Weingütern wie dem „Hausweingut“ der Markthalle, Dr. Heigel aus Franken, lag der Schwerpunkt diesmal auf Weinen aus Württemberg. 19 Württemberger Winzer*innen kamen nach Berlin, um über 100 Top-Weine aus neun Weinbauregionen zur Verkostung anzubieten. So besuchten die 15. Lange Nacht der Weine in der Arminiusmarkthalle über 1.000 (für Weinevents überraschend junge) BesucherInnen, um ausgiebig zu probieren und das Weinwissen zu erweitern. Klar reizt es viele, für nur 10 Euro bis Mitternacht Wein zu trinken – dennoch gebührt Christoph Hinderfeld und seinem Team Anerkennung dafür, jungen Berliner*innen Wein aus insbesondere deutschen Anbauregionen auf unkomplizierte Weise näher zu bringen.

 

Von Events wie der Langen Nacht profitieren auch die Hallengastronomen der Arminiusmarkthalle, dessen Konzept sich vor allem durch ausgezeichnete Restaurants von anderen Markthallen Berlins absetzt. So bot an diesem Abend das auf Burger spezialisierte Pound & Pence Schwäbische Deie (eine Art Flammkuchen) an, während der „Hofladen“ Kässpätzle kredenzte – beides laut der anwesenden Schwaben authentisch und in jedem Fall köstlich. Auch die Ceviche des peruanischen Restaurants Naninka mundete hervorragend zu Württemberger Riesling und Muskatrollinger Rosé. Permanent von einer Menschentraube umringt war Kult-Käsehändler Fritz Blomeyer, der eine Auswahl bester württembergischer Käse wie den Geifertshofer Schwarzbierkäse von der Geifersthofer Dorfkäserei und den Weißen Jagsttaler von den Honhardter Demeterhöfen mitbrachte.

 

Mit Württemberg verbinden die meisten Rotweine wie den Trollinger, der es außerhalb Württembergs immer noch schwer hat. Neue Wege gehen deshalb Winzerinnen wie Viola Albrecht vom Weingut Albrecht-Kiessling, die unter anderem einen Muskattrollinger Rosé mit würzig muskatbetonter Duftnote und einem leichten Duft von Veilchen und Wildrosen im Gepäck hatte: „Wir sind ein bunter Haufen starker Charaktere aus drei Generationen und ziemlich frauenlastig. Gerade befinden wir uns im Generationenübergang, eine spannende Angelegenheit“, sagte sie uns. Und das merkt man den Weinen an, zu denen auch typisch Württemberger Lemberger-Cuvées, Rieslinge und Grauburgunder (laut Aussage vieler Winzer*innen in diesem Jahr absoluter Verkaufs-Hit) gehören.

 

Für uns als Aperitivistas waren wie immer die Sekte und Aperitif-Weine besonders interessant. Unser Highlight bildete in diesem Jahr der Muskateller-Sekt – mit der charakteristischen Note und einer gewissen Restsüße sicherlich nicht jedermanns Sache, für uns aber vor allem eisgekühlt ein unwiderstehlicher Einstieg in den Abend. Auch wenn Württemberg viele gute Muskatteller-Sekte im Angebot hat, bleibt unser Favorit der 2016 Muskateller Sekt extra trocken vom Weinkonvent Dürrenzimmern aus der Region Heuchelberg – nicht umsonst wurde die Genossenschaft bereits zum dritten Mal mit dem Bundesehrenpreis ausgezeichnet. „Extra trocken“ bedeutet in diesem Fall (im Gegensatz zur Klassifizierung beim Wein) immer noch eine Restsüße von 12-20 g/l, die allerdings von der Kohlensäure im Geschmack unterdrückt wird. Das Ergebnis ist ein trockener, aber gleichzeitig aromenintensiver, fein ausbalancierter Sekt, der sich hervorragend als Einstieg zu einem üppigen Festessen oder sogar als Digestif zum Käse eignet. Ebenfalls großartig schmeckte der Sankt Veit Riesling Sekt Brut der Genossenschaftskellerei Heilbronn, bei dem ausgesuchte Rieslingweine nach traditioneller Champagner-Methode zu einem spritzig-eleganten Sekt ausgebaut werden – mir persönlich in der Variante brut noch etwas gelungener als der extra brut (der im Geschmack deutlich trockener erscheint als der vorher beschriebene Muskatellersekt.)

 

Wen nach dem Ende der Langen Nacht der Weine die Lust auf Württemberger Weine gepackt hat, kann diese im Württemberger Weinhaus im Lotte-Lenya-Bogen am Zoo probieren, sich von René Arnold beraten lassen oder am besten an einem seiner großartigen Weinabende teilnehmen. Und vielleicht gibt es im nächsten Jahr ja wieder eine Lange Nacht der Württemberger Weine in der Arminiusmarkthalle – wir fanden es klasse und den Winzer*innen hat es in Berlin auch super gefallen!

Geld hat man – darüber redet man nicht. Großer Fehler, meint Irina Jürgens. Und sie weiß genau, worum es geht.

Geld hat man – darüber redet man nicht. Großer Fehler, meint Irina Jürgens. Und sie weiß genau, worum es geht.

Denn: Geld sollte immer ein Thema sein. Schon bei Kindern. Sie weiß, wovon sie spricht: Geld ist ihr Business. Irina ist Mitarbeiterin einer privaten Schuldnerberatung in Berlin. Jeden Tag trifft sie Menschen, die pleite sind. Verzweifelt. Voller Angst. Am Ende ihrer Kräfte. Hoffnungslos.  Und jeden Tag versucht sie, gemeinsam mit ihren Klienten, Wege aus einer scheinbar ausweglosen Situation zu finden. Wir treffen uns zum Kaffee, um über Geld zu plaudern… Bild Irina _Martina

Lassen Sie uns also über Geld reden…

„Bedrucktes Papier…überbewertet.“

Nee, oder? Also bei aller Liebe – so einfach ist das doch wirklich nicht

„Nein. Natürlich nicht. Das Leben muss bezahlt werden und die meisten Menschen träumen davon, reich zu sein.  Aber Geld ist in erster Linie ein Tauschmittel. Mir ist es wichtig darauf zu achten, was ich tun muss für das Geld, das ich für meine Arbeit bekomme. Viele kämpfen ihr Leben lang sehr hart um dieses bedruckte Papier und vergessen dabei, wie hoch der Preis wirklich ist.“

Das heißt?

„Geld verdienen ja, aber nicht um jeden Preis.“

Wir reden hier nicht über die Sonnenseiten-Menschen, die nie über ihren Kontostand nachdenken müssen, sich alle Wünsche erfüllen können und ein Leben ohne finanzielle Sorgen leben dürfen. Warum auch immer:  Gearbeitet, geerbt, geheiratet. Sie kümmern sich jeden Tag um die andere Seite der Medaille:  überschuldete Menschen, Leute, denen das Wasser bis zum Hals steht. Die nicht mehr ein noch aus wissen und am Ende sind. Die am eigenen Leib erfahren, dass Armut alles andere als sexy ist. Sind die Charaktere dieser Menschen ähnlich? Sind sie ‚selber Schuld‘ an ihrer Misere?

„Jeder hat eine individuelle Geschichte und es ist die Summe vieler getroffener Entscheidungen, die zu dieser Situation geführt hat. Die Statistiken und der Schuldenatlas der Creditreform zeigen die häufigsten Gründe für Überschuldung bei Privatpersonen auf: Arbeitslosigkeit, Krankheit und Trennung vom Partner. Dieses Schicksal kann jeden treffen, aber wer Rücklagen hat, keine Kreditraten bedienen muss und Ahnung von Haushalt- und Budgetführung hat, wird eine Krise wie Arbeitslosigkeit oder eine Trennung leichter überstehen. Bei einem Leben am finanziellen Limit, bei dem nichts passieren darf, wird es dann schon schwieriger. Ich nenne mal ein Beispiel: Habe ich ein gut gewartetes Schiff, werde ich einen Sturm leichter überstehen als auf einem alten Kutter ohne Rettungsringe.“

Sie appellieren für ein Schulfach zum Thema Geld – und dabei geht es nicht um Prozentrechnung.

„Ich halte es für ein riesengroßes Versäumnis, dass Kinder nicht schon in der Grundschule lernen, mit Geld umzugehen. Ich wünschte mir schon bei kleinen Kindern eine konsequente Ausbildung darüber, wie man im Haushalt mit Geld umgeht, welche Gefahren die Kreditmentalität birgt und warum selbst eine einfach Form von Haushaltsbudgetierung wichtig ist. Heute bekommen schon 18jährige Dispokredite. Handyverträge treiben sie in die Schulden. Oftmals führen diese Kinder die Biografien ihrer Eltern fort.  Und warum soll eine Sechsjährige nicht wissen, wieviel ihre Mama für ein Eis oder eine Kinokarte schuften muss? Geld muss enttabuisiert werden! Klarheit und Transparenz schaffen eine bessere Basis für alle.“

Haben Sie einen wirklich hilfreichen Tipp, wenn es um den Umgang mit Geld geht?

„Was ich jedem mit auf den Weg gebe: Trennen Sie zwischen Fixkosten und frei verfügbarem Geld. Das klingt so simpel, aber glauben Sie mir: Vor mir sitzen sehr oft Menschen, die keine Ahnung haben, wieviel ihr Leben eigentlich kostet. Ihre Finanzen sind ein großes schwarzes Loch. Fixkosten sind die, die sofort weg sind für Miete, Telefon, GEZ, Strom, Handy, Versicherungen usw. Der Rest bleibt übrig für Essen, Urlaub, Kleidung, Hobbys. Ich bin ein großer Fan davon, sich erstmal einen Überblick zu verschaffen. Also: Schreiben Sie alles auf! Dabei helfen klassische Haushaltsbücher oder Apps.“

Sich Wünsche zu erfüllen, ist heute in der Regel puppeneinfach: fast jeder bekommt fast sofort einen Kredit und hält dann stapelweise fremdes Geld in den Händen (siehe Foto;-) Und das zu sensationellen Bedingungen. Was raten Sie hier?

„Auch hier: Denk nach! Wieviel Geld habe ich variabel wirklich übrig, um damit einen Kredit finanzieren zu können. Früher gab es eine einfache Regel, die mein Vater mir mit auf den Weg gegeben hat: kein Geld, kein Haus! Mein Tipp: Gib erstmal nur die Kohle aus, die du hast und frage dich sehr genau, ob du den Kredit wirklich brauchst! Immer mehr Menschen bezahlen ihren Jahresurlaub auf Kredit! Das ist doch Wahnsinn! Sie sind dann schon wieder urlaubsreif und stottern immer noch längst vergessene Ferien ab! Es ist halt leicht, alles und jedes auf Pump zu zahlen. Aber nur weil es leicht ist, muss ich es ja nicht tun!“

Was machen Leute anders, die mit ihrem Geld besser auskommen, anders als andere?

„Sie gehen kontrollierter und mit mehr Überblick und Weitsicht mit ihrem Geld um. Sie kennen ihr Budget und teilen es ein. Das hat natürlich mit Disziplin zu tun. Und natürlich tut es gelegentlich weh, auch mal zu verzichten. Eine individuelle Analyse ist eminent, um seine persönliche Situation zu kennen. Natürlich ist es auch ein wenig Veranlagung. Manche horten, andere geben aus. Für jeden sollte sich die Frage stellen: was will ich vom Leben? Was habe ich vor mit meinem Geld? Leben im hier und jetzt oder doch lieber sparen, um mit 50 die Arbeit an den Nagel zu hängen und angstfrei schlafen zu können. Und für alle, die gern mal den Überblick verlieren, noch ein Tipp: zahlen Sie bar! So oft es geht! Am besten immer!“

Warum?

„Eine Kredit- oder EC-Karte ist schnell gezückt. Kaufe ich mit Bargeld, ist es ein richtiges Geschäft: Ware gegen Geld. Bei Kartenzahlung muss ich nichts hergeben und bekomme trotzdem etwas. Und am Monatsende noch die dicke Überraschung oben drauf.“

Sie sehen jeden Tag, was Geld mit Menschen macht, wenn man es nicht hat. Was macht das mit Ihnen?

„Manchmal ist es auch für mich extrem. Wenn Menschen vor mir sitzen, die vorher schon nichts hatten und jetzt nicht mal mehr den Kühlschrank füllen können, ist es hart. Ja.“

Angeblich macht Geld allein ja nicht glücklich…

„Ich kenne Menschen, die sich nie wieder Gedanken um Geld machen müssen und die trotzdem permanent unzufrieden sind. Auf der anderen Seite erlebe ich so manche alleinerziehende Mutter, der das Wasser bis zum Hals steht, die aber dennoch glücklich ist. Geld spielt dann keine übergeordnete Rolle mehr, wenn man seine Rechnungen und sein Leben bezahlen kann.“

Das klingt tröstlich, aber im Grunde ist ein Leben ohne Geld in unserer Gesellschaft ein Alptraum. Deshalb nehmen viele ein überzogenes Konto gern in Kauf…

„Das Problem geht viel tiefer. Schulden sind gesellschaftlich immanent und gewollt. Wir werden zum Schuldenmachen verführt. So werden Abhängigkeiten geschaffen für Konstruktionen, die wir gar nicht mehr durchschauen. Nie war es so leicht, Kredite zu bekommen oder in Raten zu zahlen. Wir befinden uns dann mit Pech lebenslang in einer Schleife, in der Bedenken, Angst und Befürchtungen unser Leben prägen. Dadurch sind wir leichter steuerbar und aufgrund der daraus resultierenden Existenzängste nicht mehr in der Lage, bewusst entgegenzusteuern. Ein Teufelskreis.“

Wann kommen Menschen in der Regel zu ihnen?

„Meistens in dem Moment, wo wirklich nichts mehr geht. Wenn Geldeintreiber und Gerichtsvollzieher vor der Tür stehen und die Post schon ewig nicht geöffnet wurde. Ich wünschte mir manchmal, dass Betroffene früher den Mut hätten, sich ihrem Schicksal zu stellen. Dann können wir anders agieren. Selbstreflektion ist sicherlich ein wichtiges Stichwort. Wenn ich meine Situation erkenne, kann ich mich ihr stellen. Und habe ich noch Hilfe an meiner Seite, ist noch nichts verloren.“

Wie können Sie den Menschen helfen?

„Wir versuchen, den Menschen, die sich uns anvertrauen, die Angst zu nehmen. Daraus mündet aber auch die wichtigste Basis dieser Zusammenarbeit: Gegenseitiges Vertrauen. Wir müssen darauf vertrauen, dass unsere Mandanten sich legal verhalten. Auf der anderen Seite arbeiten wir an Lösungen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten und gesetzliche Grundlagen, die wir juristisch verankert gehen können – von der Einmalzahlung zur Entschuldung bis zur Privatinsolvenz. Es ist kein leichter Weg, aber es ist eine große Chance, noch einmal alles auf Null zu stellen. Und mit einer Erfahrung mehr den Rest seines Lebens entspannter zu leben. Jedes Ding hat seine Zeit, jede Zeit hat ihr Ding: gemachte Erfahrungen sind ein großer Schatz, wenn man daraus lernt.“

Wofür geben Sie Ihr gern Geld gern aus?

„Ich ziehe mich gern hübsch an. Manchmal deshalb auch für hochwertige Dinge, dann aber Second-Hand. Mich stört, dass vieles billig produziert und schon nach kurzer Zeit entsorgt wird.“

Lieben Dank, Irina. Ich bin jetzt schlauer, vielleicht auch etwas vorsichtiger und habe tatsächlich mal zusammengerechnet, wie hoch meine monatlichen Belastungen wirklich sind. Puh! Daraus resultiert, dass ich mal wieder meinen Stromanbieter wechseln werde und nach einem neuen Handytarif gucke. Und ich habe beschlossen, mal eine Weile in bar zu zahlen. Aber trotzdem – auch wenn Geld final angeblich nicht wirklich glücklich macht, wäre ich wirklich sehr gern reich;-)

 

 

„Mehr braucht man nicht für den Sommer“: Rosé-Verkostung im Württemberger Weinhaus

„Mehr braucht man nicht für den Sommer“: Rosé-Verkostung im Württemberger Weinhaus

Es ist Sommer in Berlin, genauer gesagt: Hochsommer mit Temperaturen, die bereits Ende Mai über die 30 Grad-Marke kletterten. Passend dazu fand einer der legendären Weinabende im Württemberger Weinhaus zum Thema „Blanc de Noirs und Rosé“ statt. Viele denken bei Rosé vor allem an Südfrankreich und das Mittelmeer, und lange trank man diese Weine allerhöchstens in Kombination mit Lavendelduft, Zikadengesang und Urlaubsfeeling. Inzwischen hat sich einiges getan auf dem weiten Feld der Blanc de Noirs und Rosé, und besonders Württemberg mit seinen vielen roten Trauben bietet hier einiges.

Das Aperitivista-Herz schlägt direkt beim Begrüßungssekt höher: nicht nur, weil das erste Glas das Schönste des Abends ist, sondern auch, weil wir den Schwarzriesling Blanc des Noirs Brut der Lauffener Weingärtner im Glas haben. Der sortenreine Sekt ist weiß aus roten Schwarzriesling-Trauben gekeltert. Bei dieser besonderen Kategorie handelt es sich um Weißweine aus roten Trauben, bei denen die Beeren mit flachen Pressen und relativ schnell abgepresst werden, ohne dass die vor allem in den Schalen sitzenden Pigmente den Saft färben – berühmtestes Beispiel für Blanc de Noirs ist der Champagner, und genau daran erinnert dieser feine Sekt auch. Auf dem Etikett ist er als „Brut“ gekennzeichnet, d.h. dass der Restzuckergehalt 15 g (hier 10g) unterschreiten muss. Somit liegt er in der Mitte der Skala – ein Brut nature darf hingegen nur noch max. 3 g Restzucker aufweisen. Vom nicht nur amüsanten, sondern auch sehr kundigen René Arnold, der seit drei Jahren das Württemberger Weinhaus führt, lernen wir, dass Württtemberg nach der Champagne das größte Anbaugebiet für diese Traube ist, die auf Französisch Pinot Meunier („Müllerrebe“) heißt und neben Chardonnay und Pinot Noir eine der drei Champagnertrauben ist.

Als Fan der typisch Württembergischen Traube Lemberger war ich besonders gespannt auf den weiß gekelterten Lemberger Blanc de Noirs der Genossenschaftskellerei Heilbronn Erlenbach Weinsberg, der in dieser Form sehr viel frischer, aber nicht minder charakteristisch daher kam als das rote „Original“. Nach einem weiß gekelterten Schwarzriesling und einer Cuvée aus Trollinger und Lemberger gehen wir zu Rosé und Weißherbst über, bei denen etwas mehr Farbe zugelassen ist als beim Blanc de Noirs. Der nur in Deutschland produzierte Weißherbst muss rebsortenrein sein – so wie der von uns verkostete Lemberger Weissherbst vom Wein-Konvent Dürrenzimmern – eine Cuvée wäre beim Weißherbst nicht erlaubt. Beim Rosé hingegen schon – er kann, muss aber nicht reinsortig sein. Und weil Rosé so schön modern klingt und im Trend liegt, wird so mancher den Kriterien eines Weißherbstes genügender Wein heute lieber Rosé genannt. Der Trollinger Rosé vom Collegium Wirtemberg war mir etwas zu bonbonig, während der Muskattrollinger Rosé von der Remstalkellerei seinen parfümierten Charme hatte.

Wie immer im Württemberger Weinhaus hatten wir einen tollen Abend mit bezaubernden Tischnachbarinnen. „Mehr braucht man nicht für den Sommer“ fasste René das Anziehende, Frische, Spritzige dieser Weine zusammen – und so ging auch kaum jemand ohne eine Kiste mit seinen Lieblings-Rosés und Blanc de Noirs nach Hause.