Virtuelle Weinprobe: Live Tasting mit Viola

Virtuelle Weinprobe: Live Tasting mit Viola

Krisen machen erfinderisch, sagt Viola Albrecht. Schließlich fehlen in Zeiten des Social Distancing die Nähe zum Kunden, die Weinfeste und der gesellige Weingenuss. Neue Konzepte müssen her, und so hat auch das Weingut Albrecht-Kiessling virtuelle Weinproben aufgelegt. „Live Tasting mit Viola“ heißt das Youtube-Event des in Heilbronn ansässigen Familienweinguts: „Die virtuelle Weinprobe soll uns allen ein Gefühl der Normalität vermitteln“, erklärt die Winzerin und diplomierte Weinbauingenieurin aus Württemberg. „Die Menschen dürfen nicht zu uns kommen, so kommen wir virtuell zu Ihnen und zeigen mit Stolz und Hingabe unsere Weine.“

Sechs Weine und ein Rezept für Spargelpasta

Eine tolle Idee, denn erstens möchten wir engagierte WinzerInnen unterstützen und zweitens fehlen auch uns die Events. So langsam wird es langweilig in der selbstverordneten Quarantäne, so dass eine virtuelle Weinprobe eine willlkommene Abwechslung verspricht. Wir bestellen also per E-Mail das Probierpaket und bekommen für sehr faire 50 Euro einen Schaumwein, zwei Weißweine, einen Weißherbst und zwei Rotweine frei Haus geliefert. Dazu gibt es eine Tastingliste, ein Briefing zum Ablauf und das Rezept „Grüner Spargel trifft Nudeln“. In diesem Moment ahnt man schon, dass hier nicht einfach ein paar Flaschen geöffnet werden und man sich mit der (erlaubten) Anzahl von Gästen einen feucht-fröhlichen Abend macht. Das „Live Tasting mit Viola“ verspricht vielmehr, eine virtuelle Weinprobe vom Feinsten zu werden. Und die verlangt neben Freude am Genuss auch die Bereitschaft, zwei Stunden lang konzentriert zuzuhören und sich durch sechs Weine zu kosten.

Geballtes Weinwissen von Viola und Luisa

Unterstützt wird Viola bei der Moderation der virtuellen Weinprobe von ihrer ebenfalls im Weingut tätigen, aber noch Weinbau studierenden Schwester Luisa. Außerdem dabei ist Food-Expertin Astrid, die für den kulinarischen Part zuständig ist. Jeder Wein bekommt 20 Minuten Redezeit. Neben Erklärungen zu dem jeweiligen Wein teilen die beiden Schwestern ihr unglaubliches Winzer-Know-how. Wir lernen sowohl etwas über Terroir, Trauben und Lese als auch über die Stilistiken und die Klassifizierung. Auch sensorische Aspekte, Tipps fürs Foodpairing und regionale Besonderheiten des Weinbaugebietes Württemberg kommen nicht zu kurz. An dieser Stelle ein ganz großes Kompliment an Viola und Luisa, die uns diese geballte Portion Wissen quasi nebenbei servieren. Und an Astrid, deren Spargelpasta nicht nur einfach zuzubereiten, sondern schlicht köstlich und für jeden Geschmack variierbar ist.

Was ein wenig fehlt, ist die echte, persönliche Interaktion, die der – übrigens von den TeilnehmerInnen lebhaft genutzte – Live-Chat nur begrenzt ersetzen kann. So ist es mit der virtuellen Weinprobe wie mit anderen digitalen Kommunikationsbehelfen zu Coronazeiten. Erstaunlich viel funktioniert auch online, aber irgendwann nervt das Fehlen des realen Austausches eben doch.

Weinleidenschaft über Generationen

Um so besser, dass sich die Begeisterung der jungen Winzerinnen auch über den Umweg des Internets überträgt. „Wir sehen es als unsere Aufgabe, Charakter in die Weine zu bringen, den Puls der Zeit zu spüren und gleichzeitig das Handwerk zu bewahren“, sagt Viola, die schon als Kind in Gummistiefeln im Weinkeller herumgerannt ist und in den Reben gespielt hat. Somit war der Weg zur Winzerin fast vorgezeichnet in dieser Familie, in der seit drei Generationen jeweils drei Töchter mit Leidenschaft Wein machen. Nach ihrer Ausbildung in Rheinhessen und der Pfalz studiert sie an der Weinfachschule Geisenheim. Seit ihrem Bachelor in 2018 ist sie nun fest mit auf dem Weingut tätig und zuständig für den Weinausbau, die Oenologie und die Veranstaltungen. Vor allem steckt die junge Winzerin, die sich auch bei der Nachwuchsvereinigung Generation Riesling engagiert, voller Ideen und verunsichert öfter mal ihre Eltern mit neuen Wegen und Konzepten.

Auf den Geschmack gekommen

Von Violas virtuellen Weinproben sind mittlerweile auch Peter und Annette Albrecht überzeugt. Sie kommen gut an bei den Fans des Weingutes, und auch bei Aperitivista gehen die Daumen klar nach oben. Die nächsten Live-Tastings mit Viola finden am 28. Mai (mit der Ölmühle Erlenbach), 25. Juni (mit den Linsen von Thomas Schmoll) und am 30. Juli jeweils von 19-21 Uhr statt. Die Weinpakete kosten 50 Euro inkl. Versand. Mehr Infos und Anmeldung auf albrecht-kiessling.de/veranstaltungen

Die nächsten Live-Tastings

Im Nachgang der Weinprobe kommt unser Lieblingspart, das „Stumpentrinken“. So nennen die Winzer das gemeinsame Austrinken die Reste in den Weinflaschen (oder Gläsern). Gleichzeitig ist auch der Moment der Entscheidung, welche Weine wir demnächst nachbestellen werden. Unsere Notizen von der Verkostung findet ihr im Anschluss. Frei nach dem Motto „Jeder sollte jemanden haben, der im entscheidenden Moment nachschenkt“ freuen wir uns schon auf die nächste virtuelle oder besser noch echte Weinprobe im schönen Heilbronn. . Sehr herzlich haben die Schwestern nämlich alle Zuhörer auf das Weingut Albrecht-Kiessling eingeladen.

Die Weine: Unsere Verkostungsnotizen

FLORA

Wir starten die virtuelle Weinprobe mit dem großartigen FLORA, einem PetNat („Pétillant Naturel“), in den Luisa Albrecht ihr ganzes Herzblut gesteckt hat. Dieser unfiltrierte Schaumwein aus Müller Thurgau mit einem kleinen Anteil Kerner begeistert mit einer dezenten Säure und einem runden, fülligen Aroma. Nach einmaliger Spontanvergärung verbleibt ein Rest Hefe in der Flasche, wo der PetNat weiter gärt. Somit ist jede Flasche dieses großartigen Naturweins einzigartig. Und wir Aperitivistas sind begeistert von diesem tollen Experiment. Übrigens nicht nur wir: Der FLORA erfuhr so viel positive Resonanz, dass er fast schon ausgetrunken ist.

JOHANNA und GELBER MUSKATTELLER

Der nach der dritten Tochter benannte Grauburgunder JOHANNA zeigt Charakter, einen großen Körper und nussige Aromen. Der halbtrockene Gelbe Muskatteller offenbart eine wahre Explosion an floralen und kräutrigen Aromen, die ein perfektes Gegenwicht zu Käse bilden und der somit eher ans Ende eines Menüs passt.

WEISSHERBST, MERLOT UND LEMBERGER

Nach einem interessanten Exkurs zu Kräutern und Wein mit dem WaldNetzWerk aus BadRappenau kommen wir zu Rosé und Rotwein. Bei letzterem scheiden sich in unserer multinationalen Runde die Geister. Dem französischen und dem italienischen Gaumen mundet der stabil-komplexe Merlot mit seinen Sauerkirscharomen und der dezenten Ledernote besser als der Lemberger. Obwohl letzterer von Viola als „maskulin“ (was auch immer das heißt) bezeichnet wird, sind es ausgerechnet die norddeutschen Damen, die diesen körpervollen, terroirgeprägten Wein besonders mögen. Vom Lemberger Weißherbst Kabinett trocken ist selbst unsere dem Rosé-Wein nicht unbedingt zugeneigte italienische Fraktion angenehm überrascht. Eher hell gekeltert und mit dezenter Erdbeerfrucht, zeigt er viel Charakter und glücklicherweise nichts von den im Massensegment aktuell gefragten Bonbon-Rosés.

P.S. Bei unserem sonntäglichen Picknick haben wir übrigens den weißen Secco vom Weingut Albrecht-Kiessling probiert. Sehr fruchtig und so trinkig, dass die Flasche viel zu schnell leer war: eine tolle, spritzige Winzer-Alternative zum 08/15 Prosecco aus dem Supermarkt.

Layla Berlin: Der große Moment israelischer Küche

Layla Berlin: Der große Moment israelischer Küche
Starkoch Meir Adoni steht am Herd des Layla Berlin

In der Küche des vor knapp einem halben Jahr eröffneten Restaurant Layla steht nicht irgendjemand am Herd. Verantwortlich für das Restaurant im Hotel Crowne Plaza zeichnet der israelische Starkoch Meir Adoni. Er hat sich mit seiner nahöstlichen Küche bereits in New York und Tel Aviv einen Namen gemacht. Wir trafen am vergangenen Samstag einen charismatischen, leidenschaftlichen Chef und probierten Gerichte, die in ihrer raffinierten Gewürz- und Aromenvielfalt begeistern und überraschen. Die halbe Stadt spricht vom neuen Layla Berlin, und es ist aktuell die erste Wahl, wenn man zum Beispiel mit anspruchsvollen Londoner Freudinnen hip essen gehen will. „Now it is our time“ sagt Meir und meint, dass nach diversen Gastrotrends wie italienisch, koreanisch und zuletzt peruanisch nun die nahöstliche Küche die Welt erobert. In der Tat sorgen in Berlin bereits Restaurants wie das NENI oder der Frühstückshotspot Benedict für lange Warteschlangen.

Traditionell mittelöstliche Küche

Liest man die Karte des Layla Berlin, klingen die Namen auf den ersten Blick traditionell nahöstlich und verraten nicht nur Meirs Geburtsort Israel, sondern auch seine marokkanischen Wurzeln. Nach typisch askenasischen Gerichten wie Gefilte Fisch wird man hingegen vergeblich suchen, denn Adoni gehört den Mizrachi, den orientalischen Juden, an. Er kocht außerhalb Israels auch nicht koscher, sondern nimmt dies mit seinen „Gefilte Shrimps“, die in New York auf der Karte stehen, auf die Schippe. Ein schönes Beispiel für jene typisch jüdische Selbstironie, wie sie Dany Levy so herrlich in seinem Film „Alles auf Zucker“ zelebriert hat.

Desserts mit Meir Adonis Handschrift

Meir Adonis unverwechselbare Handschrift offenbart sich spätestens, als die Vorspeisen auf dem Tisch stehen. Die geräucherten Forellen Doughnuts (Achtung: essbar sind nur zwei überaus köstliche, süß-sauer-rauchige Pralinen aus Fisch, Medjoul-Datteln, Mandeln und Mandarinenvinaigrette, der Rest sind Dekosteine) und das geräucherte Auberginencarpaccio sind Signature Dishes, die in Berlin ebenso begeistern wie in New York. Das orienteppichartig anmutende, auf einem runden Teller servierte Carpaccio hat ein dezidiertes Raucharoma. Es wird durch Dattelhonig, Rosenblüten und „Fetaschnee“ abgefedert und von crunchigen Pistazien getoppt. Seine Aromenvielfalt (es stecken an die 30 Zutaten darin) begeistert uns ebenso wie die der Doughnuts.

Pancakes crazy interpretiert

Die absolute Krönung sind die in der Zubereitung äußerst aufwändigen und außen schlicht wirkenden libanesischen Pancakes Quatayef mit scharf gewürzter confierter Ente und Chilivinaigrette. Ihre Süße erinnert daran, dass es sich ursprünglich um ein Ramadan-Gericht handelt – to die for! In diesen Startern findet sich die Essenz dessen, was Meir Adoni unter seiner „crazy interpretation“ traditionell israelischer Küche versteht. Er ergänzt klassische Gerichte durch individuell eingesetzte, moderne Elemente wie die Techniken avantgardistischer Küchenstile. Insbesondere bedient er sich der Nordic Cuisine, die er unter anderem im Kopenhagener Noma erlernt hat.

West-östliche Geschmackssynthese

„East meets West, Past meets Future“. Daran denken wir auch bei der Jemenitischen Kubbana Brioche, die in ihrer buttrigen Fluffigkeit genauso gut von Lenôtre (ebenfalls einer der Lehrmeister Adonis) stammen könnte. Die dazu gereichte Paprika Aioli ist für meinen Geschmack einen Tick zu mayonnaisig, während das Doah mit Olivenöl köstlich zum Brot passt. Den japanisch anmutenden Gelbschwanzmakrelen-Tatar Kubania empfinden wir nach den diversen Raucharomen als fast blass. Angesichts des Preises von 27 Euro für ein Gericht in der Größe eines Nigiri schließen wir, dass es sich bei dieser Makrele um einen sehr teuren Fisch handeln muss. Apropos Preise: Auch ein limitierter Sneaker und die betont nachlässige Jogginghose der Mitte-Hipster können durchaus soviel wie ein Chanel-Kostüm kosten. So sollte man sich vom lässig-stylischen Look des Layla ebenfalls nicht täuschen lassen, wir bewegen uns auf Fine-Dining-Level. Der hervorragende Wein (Dalton aus dem Norden von Israel) kostet stolze 11 Euro pro Glas. Und so kann ein frugaler Abend zu zweit mit Getränken locker 200 Euro kosten.

Das beste Couscous der Welt

Zurück zum Essen. Nach den  „Something to start“-Gerichten, die im „Family Style“ geteilt werden sollen, erreicht uns ein göttliches vegetarisches Couscous. Es geht auf ein Geheimrezept von Meirs marokkanischer Großmutter zurück. Auch hier wird die Tradition weitergedacht, verfeinert und modernisiert. Bisher waren alle marrokanischen Couscous‘, die ich gegessen habe, irgendwo zwischen rustikal, ernährungsphysiologisch wertvoll und langweilig-sättigend angesiedelt. Dieses hier hingegen wird von Tershi, einem scharfen Kürbissalat begleitet. Zusammen mit Harissa und diversen geheimnisvoll zubereiteten Gemüsen und Kräutern entfaltet sich ein wahres Geschmacksfeuerwerk. Als ich mit einem seligen Lächeln auf den Lippen von „the best couscous I ever had in my life“ schwärme, gibt sich Meir keineswegs überrascht. Der vielgereiste Food-Chef der New York Times habe ihm nach unzähligen Couscous in seinem „Nur“ exakt das Gleiche gesagt…

Das Team brennt fürs Layla Berlin

Meir Adoni ist Lob gewöhnt und weiß, dass er gut ist. Trotzdem wirkt dieser jungenhafte, von Leidenschaft für seine Küche, seinen frischgeborenen Sohn (sein fünftes(!) Kind) und seine Familie brennende Chef unglaublich sympathisch. Zusammen mit seiner großartigen Geschäftspartnerin Lilach  reißt er das gesamte Team mit. Direkt vor der offenen Küche des Layla Berlin platziert, erleben wir die ganze Konzentration, die Präsision und den Druck, unter dem das Küchenteam steht. Und das sich nicht anmerken lässt, wie viel Können hinter der hier gelebten Gastfreundschaft steht. Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle an Wowa, der uns so wunderbar umsorgt hat.

Balance zwischen Süße und Säure beim Finale

Wir bekommen jetzt noch zwei Desserts, und zwar das großartig zwischen Süße und Säure, crunchy und creamy ausbalancierte East meets West sowie Malabi Rose. Bei letzterem handelt es sich für eine selbst für europäische Verhältnisse überraschend unsüße Nachspeise aus Kadaif (knusprige Nudeln), kandierter Pistazie, Rhabarber Konfitüre, Kirschsorbet und Hibiskus. Und dann, als die Anspannung kurz abebbt, wird gelacht, ein Glas Wein getrunken und vor dem Hotel eine Zigarette geraucht. Nachdem auch eine plötzlich einfallende Riesengruppe junger Israelis versorgt ist, kommt Meir Adoni noch mindestens 20 Selfie-Wünschen seiner jungen Fans nach. Mit einem taufrischen Lächeln, dem die zehn zurückliegenden Stunden harte Arbeit nicht im Entferntesten anzusehen sind. Danke an Meir, Lilach, Stella und das gesamte Team für diesen Abend!

P.S. Das Layla Berlin verfügt unter der Leitung des italienischen Mixologen Emanuele Broccatelli über eine einzigartige Bar, in der analog zu Meir Adonis Küche Drinks aus Kräuteraufgüssen und subtilen Gewürzkombinationen gezaubert werden. Mehr dazu demnächst auf Aperitivista!

Lulu Guldsmeden Hotel: Hygge in Berlin oder Aperitif auf Dänisch

Lulu Guldsmeden Hotel: Hygge in Berlin oder Aperitif auf Dänisch

Hyggelig, balinesisch, stylisch

Mit dem „Lulu Guldsmeden Berlin“ wagte sich die von den Architekten Marc und Sandra Weinert gegründete dänische Hotelgruppe, die bereits Häuser in Skandinavien, Frankreich, Island und Bali betreibt, auf den deutschen Markt. Als „Berlins erstes Hygge-Hotel“ wurde es im Frühjahr dem Pubklium vorgestellt – dabei beinhaltet es viel mehr als das sympathische, ur-dänische Konzept der Gemütlichkeit, das inzwischen (leider) so inflationär gebraucht wird, dass der Weg in die Prospekte der Discounter fast schon vorgezeichnet ist. Wir waren jedenfalls sofort schockverliebt in den originellen Stilmix aus balinesischen Lampen und Dekorationsobjekten (ein Familienmitglied betreibt dort eine Designfirma), Jagd-Trophäen, freigelegten Putz im Treppenhaus und die stylisch-gemütlich eingerichteten Zimmer mit vielen schlau ausgedachten Details wie einer frei beweglichen Handtuchleiter. Man merkt die Handschrift von Innenarchitekten, die nicht gleich 80 Kettenmotels in Serie entwerfen, sondern individuelle bauliche Gegebenheiten mit dem Corporate Look and Feel in Einklang bringen.

Gelebte Nachhaltigkeit

Hoteldirektor Marc Lorenz ist nicht nur ein wunderbar kultivierter Gastgeber, der optisch eher an einen Literaturprofessor als einen klassischen GM (falls es den überhaupt gibt) erinnert. Dabei ist er alles andere als ein Quereinsteiger in der Hotellerie und blickt auf eine Karriere bei den Hyatt-Hotels zurück, die ihn in Häuser auf der ganzen Welt geführt hat. Auch dort machte er sich bereits für nachhaltige Konzepte stark, so dass er die überzeugte Bio-Philosophie der Guldsmeden Hotels durchaus authentisch verkörpert. Das Gebäude an der Potsdamer Straße sollte eigentlich sein erstes eigenes Hotel werden, aber die Weinerts waren schneller. Heute ist der gebürtige Stuttgarter froh darüber, denn die Renovierungsarbeiten erwiesen sich als so aufwändig, dass er als frischgebackener Hotelbesitzer daran wahrscheinlich verzweifelt wäre – so hatte er mehr Zeit, sich als F&B-Vollblut um die Auswahl der Produkte und die Ausrichtung der Gastronomie, die in Hotels leider allzu oft nebenbei läuft, zu kümmern.

Nordische Aperitif-Kultur in Berlin

Als Aperitivistas freuen wir uns über jede neue Location, in der wir der Aperitif-Kultur frönen können. Mit seiner zentralen Lage an der wie Phoenix aus der Schmuddel-Asche auferstandenen Potsdamer Straße bietet sich das Lulu Guldsmeden geradezu an, um von hier aus ins Berliner Nachtleben zu starten. Das geht bekanntlich am besten mit einem Apéro mit guten Drinks und leckeren, unkomplizierten Häppchen gereicht werden. Über eine wirkliche Bar verfügt das Hotel nicht, dafür servieren die Barkeeper Jonathan und Alexis die Drinks direkt an die Tische und bequemen Sofas vorm Tresen des Restaurants „Saeson“. Und weil die Gründerfamilie ganz auf Ökologie und Nachhaltigkeit setzt, sind auch die Getränke konsequent ökologischer Herkunft. Mein Favorit unter den Signature-Drinks ist eindeutig der „Nordic Mule“ mit Limette, Ginger Beer und Dill-Aquavit. Das grüne Fischkraut harmoniert prächtig mit dem mir hier zum ersten Mal begegneten Dill-Aquavit und passt perfekt zu den kräftigen „Sardinen in Olivenöl mit geröstetem Brot und Zitronenschale“ – vielleicht ist es auch meiner norddeutschen Herkunft und morgendlichen Abstechern auf den Hamburger Fischmarkt geschuldet, dass mein Herz bei dieser Kombination Purzelbäume schlägt.

Aromen von Enzian, Absinth und Rhabarber: Bio-Spritz aus Venedig

Ebensolche Freude lösen bei mir Reminiszenzen an meine Lieblingsstadt Venedig aus. Daher stammt nämlich der „Aperitivo Naturale Veneziano“, der zusammen mit Württemberger Bio-Rieslingsekt die Grundlage für den Spritz des Hauses bildet. Seine Extrakte aus Absinth, Enzian und Rhabarber lassen ihn zwar ebenso bitter, aber kräutriger als Aperol schmecken und lösen angesichts der mit der konventionellen Variante verbundenen Erwartungshaltung auf der Zunge eine verwirrende Überraschung aus. Unbedingt nachfragen, der Bio-Spritz steht nicht auf der Karte! Der „Saeson Elixier“ aus Riesling, Holunderblüte und Aquavit erschien dagegen zwar erfrischend zitrusbetont, aber fast langweilig. Gut dazu passt die selbstgeröstete Gewürzmischung aus Bio-Nüssen, die Saeson-Chefin Maja Sommer Samuelsen an diesem Abend laut Selbsteinschätzung besonders ausgewogen salzig gelungen war. Der Backensholzer Käse überzeugte ebenso wie die herrlich fein geschnittenen, frittierten Tintenfischringe mit einer Aioli, die so gut schmeckte, dass einem später eventuell irritierte Theaternachbarn gänzlich unwichtig erschienen.

Unkomplizierte Gerichte im Restaurant „Saeson“

Genausogut wie zum vorabendlichen Aperitif passen der Rieslingsekt aus Württemberg und der Crémant d’Alsace (beide selbstverständlich bio) als Auftakt zu einem Essen im Saeson. Als Nachfolgerin von René Beck Hansen bringt Maja eine Küche und eine Philosophie auf den Tisch, die weltweit jeder versteht: frische, unkomplizierte und unkonventionelle Rezepte. Die Zutaten stammen aus biologischem Anbau der Region, jahreszeitlich und kreativ zubereitet. Obwohl sie wie ihr Vorgänger dänischer Herkunft ist, wird jetzt weniger auf nordische als auf internationale Küche gesetzt – wohl auch als Zugeständnis an die Hotelgäste, die sich bekannte Gerichte wünschen, die niemanden überfordern und auch eventuell mitreisenden Kindern schmecken .

Rote Beete-Carpaccio, Grünkohl-Apfel-Salat und bester Rosé

Beim Presselunch fanden wir besonders das Rote Beete-Carpaccio und den eigentlich als Beilage gedachten Grünkohl-Apfel-Salat geschmacklich überzeugend, während der Nachtisch für unseren Geschmack zu sehr nach bereits fertig eingekauften Zutaten schmeckte. Besonders gut mundete unserem Tisch auch der herrliche Rosé vom Bio-Weingut Pflüger, der diesen entspannten Freitags-Lunch wunderbar abrundete.

Sonntagsbrunch und Business-Lunch

Wir wünschen der überaus sympathischen Autodidaktin Maja, dass sie sich weiter entwickeln und entfalten kann, jenseits allzu betriebswirtschaftlicher Zwänge. Und dass sich der stylisch transportierte, aber nicht minder konsequente Bio-Ansatz im Lulu Guldsmeden Berlin auf Dauer durchsetzen kann und von den Gästen honoriert wird. Schon jetzt ist der Sonntagsbrunch (25 Euro pro Person) ein voller Erfolg, und so langsam finden neben den Hotelgästen auch Anwohner und Leute, die in den umliegenden Büros arbeiten, den Weg zum Lunch ins Saeson. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg und freuen uns auf den nächsten Aperitif-Abend!

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Geld hat man – darüber redet man nicht. Großer Fehler, meint Irina Jürgens. Und sie weiß genau, worum es geht.

Geld hat man – darüber redet man nicht. Großer Fehler, meint Irina Jürgens. Und sie weiß genau, worum es geht.

Denn: Geld sollte immer ein Thema sein. Schon bei Kindern. Sie weiß, wovon sie spricht: Geld ist ihr Business. Irina ist Mitarbeiterin einer privaten Schuldnerberatung in Berlin. Jeden Tag trifft sie Menschen, die pleite sind. Verzweifelt. Voller Angst. Am Ende ihrer Kräfte. Hoffnungslos.  Und jeden Tag versucht sie, gemeinsam mit ihren Klienten, Wege aus einer scheinbar ausweglosen Situation zu finden. Wir treffen uns zum Kaffee, um über Geld zu plaudern… Bild Irina _Martina

Lassen Sie uns also über Geld reden…

„Bedrucktes Papier…überbewertet.“

Nee, oder? Also bei aller Liebe – so einfach ist das doch wirklich nicht

„Nein. Natürlich nicht. Das Leben muss bezahlt werden und die meisten Menschen träumen davon, reich zu sein.  Aber Geld ist in erster Linie ein Tauschmittel. Mir ist es wichtig darauf zu achten, was ich tun muss für das Geld, das ich für meine Arbeit bekomme. Viele kämpfen ihr Leben lang sehr hart um dieses bedruckte Papier und vergessen dabei, wie hoch der Preis wirklich ist.“

Das heißt?

„Geld verdienen ja, aber nicht um jeden Preis.“

Wir reden hier nicht über die Sonnenseiten-Menschen, die nie über ihren Kontostand nachdenken müssen, sich alle Wünsche erfüllen können und ein Leben ohne finanzielle Sorgen leben dürfen. Warum auch immer:  Gearbeitet, geerbt, geheiratet. Sie kümmern sich jeden Tag um die andere Seite der Medaille:  überschuldete Menschen, Leute, denen das Wasser bis zum Hals steht. Die nicht mehr ein noch aus wissen und am Ende sind. Die am eigenen Leib erfahren, dass Armut alles andere als sexy ist. Sind die Charaktere dieser Menschen ähnlich? Sind sie ‚selber Schuld‘ an ihrer Misere?

„Jeder hat eine individuelle Geschichte und es ist die Summe vieler getroffener Entscheidungen, die zu dieser Situation geführt hat. Die Statistiken und der Schuldenatlas der Creditreform zeigen die häufigsten Gründe für Überschuldung bei Privatpersonen auf: Arbeitslosigkeit, Krankheit und Trennung vom Partner. Dieses Schicksal kann jeden treffen, aber wer Rücklagen hat, keine Kreditraten bedienen muss und Ahnung von Haushalt- und Budgetführung hat, wird eine Krise wie Arbeitslosigkeit oder eine Trennung leichter überstehen. Bei einem Leben am finanziellen Limit, bei dem nichts passieren darf, wird es dann schon schwieriger. Ich nenne mal ein Beispiel: Habe ich ein gut gewartetes Schiff, werde ich einen Sturm leichter überstehen als auf einem alten Kutter ohne Rettungsringe.“

Sie appellieren für ein Schulfach zum Thema Geld – und dabei geht es nicht um Prozentrechnung.

„Ich halte es für ein riesengroßes Versäumnis, dass Kinder nicht schon in der Grundschule lernen, mit Geld umzugehen. Ich wünschte mir schon bei kleinen Kindern eine konsequente Ausbildung darüber, wie man im Haushalt mit Geld umgeht, welche Gefahren die Kreditmentalität birgt und warum selbst eine einfach Form von Haushaltsbudgetierung wichtig ist. Heute bekommen schon 18jährige Dispokredite. Handyverträge treiben sie in die Schulden. Oftmals führen diese Kinder die Biografien ihrer Eltern fort.  Und warum soll eine Sechsjährige nicht wissen, wieviel ihre Mama für ein Eis oder eine Kinokarte schuften muss? Geld muss enttabuisiert werden! Klarheit und Transparenz schaffen eine bessere Basis für alle.“

Haben Sie einen wirklich hilfreichen Tipp, wenn es um den Umgang mit Geld geht?

„Was ich jedem mit auf den Weg gebe: Trennen Sie zwischen Fixkosten und frei verfügbarem Geld. Das klingt so simpel, aber glauben Sie mir: Vor mir sitzen sehr oft Menschen, die keine Ahnung haben, wieviel ihr Leben eigentlich kostet. Ihre Finanzen sind ein großes schwarzes Loch. Fixkosten sind die, die sofort weg sind für Miete, Telefon, GEZ, Strom, Handy, Versicherungen usw. Der Rest bleibt übrig für Essen, Urlaub, Kleidung, Hobbys. Ich bin ein großer Fan davon, sich erstmal einen Überblick zu verschaffen. Also: Schreiben Sie alles auf! Dabei helfen klassische Haushaltsbücher oder Apps.“

Sich Wünsche zu erfüllen, ist heute in der Regel puppeneinfach: fast jeder bekommt fast sofort einen Kredit und hält dann stapelweise fremdes Geld in den Händen (siehe Foto;-) Und das zu sensationellen Bedingungen. Was raten Sie hier?

„Auch hier: Denk nach! Wieviel Geld habe ich variabel wirklich übrig, um damit einen Kredit finanzieren zu können. Früher gab es eine einfache Regel, die mein Vater mir mit auf den Weg gegeben hat: kein Geld, kein Haus! Mein Tipp: Gib erstmal nur die Kohle aus, die du hast und frage dich sehr genau, ob du den Kredit wirklich brauchst! Immer mehr Menschen bezahlen ihren Jahresurlaub auf Kredit! Das ist doch Wahnsinn! Sie sind dann schon wieder urlaubsreif und stottern immer noch längst vergessene Ferien ab! Es ist halt leicht, alles und jedes auf Pump zu zahlen. Aber nur weil es leicht ist, muss ich es ja nicht tun!“

Was machen Leute anders, die mit ihrem Geld besser auskommen, anders als andere?

„Sie gehen kontrollierter und mit mehr Überblick und Weitsicht mit ihrem Geld um. Sie kennen ihr Budget und teilen es ein. Das hat natürlich mit Disziplin zu tun. Und natürlich tut es gelegentlich weh, auch mal zu verzichten. Eine individuelle Analyse ist eminent, um seine persönliche Situation zu kennen. Natürlich ist es auch ein wenig Veranlagung. Manche horten, andere geben aus. Für jeden sollte sich die Frage stellen: was will ich vom Leben? Was habe ich vor mit meinem Geld? Leben im hier und jetzt oder doch lieber sparen, um mit 50 die Arbeit an den Nagel zu hängen und angstfrei schlafen zu können. Und für alle, die gern mal den Überblick verlieren, noch ein Tipp: zahlen Sie bar! So oft es geht! Am besten immer!“

Warum?

„Eine Kredit- oder EC-Karte ist schnell gezückt. Kaufe ich mit Bargeld, ist es ein richtiges Geschäft: Ware gegen Geld. Bei Kartenzahlung muss ich nichts hergeben und bekomme trotzdem etwas. Und am Monatsende noch die dicke Überraschung oben drauf.“

Sie sehen jeden Tag, was Geld mit Menschen macht, wenn man es nicht hat. Was macht das mit Ihnen?

„Manchmal ist es auch für mich extrem. Wenn Menschen vor mir sitzen, die vorher schon nichts hatten und jetzt nicht mal mehr den Kühlschrank füllen können, ist es hart. Ja.“

Angeblich macht Geld allein ja nicht glücklich…

„Ich kenne Menschen, die sich nie wieder Gedanken um Geld machen müssen und die trotzdem permanent unzufrieden sind. Auf der anderen Seite erlebe ich so manche alleinerziehende Mutter, der das Wasser bis zum Hals steht, die aber dennoch glücklich ist. Geld spielt dann keine übergeordnete Rolle mehr, wenn man seine Rechnungen und sein Leben bezahlen kann.“

Das klingt tröstlich, aber im Grunde ist ein Leben ohne Geld in unserer Gesellschaft ein Alptraum. Deshalb nehmen viele ein überzogenes Konto gern in Kauf…

„Das Problem geht viel tiefer. Schulden sind gesellschaftlich immanent und gewollt. Wir werden zum Schuldenmachen verführt. So werden Abhängigkeiten geschaffen für Konstruktionen, die wir gar nicht mehr durchschauen. Nie war es so leicht, Kredite zu bekommen oder in Raten zu zahlen. Wir befinden uns dann mit Pech lebenslang in einer Schleife, in der Bedenken, Angst und Befürchtungen unser Leben prägen. Dadurch sind wir leichter steuerbar und aufgrund der daraus resultierenden Existenzängste nicht mehr in der Lage, bewusst entgegenzusteuern. Ein Teufelskreis.“

Wann kommen Menschen in der Regel zu ihnen?

„Meistens in dem Moment, wo wirklich nichts mehr geht. Wenn Geldeintreiber und Gerichtsvollzieher vor der Tür stehen und die Post schon ewig nicht geöffnet wurde. Ich wünschte mir manchmal, dass Betroffene früher den Mut hätten, sich ihrem Schicksal zu stellen. Dann können wir anders agieren. Selbstreflektion ist sicherlich ein wichtiges Stichwort. Wenn ich meine Situation erkenne, kann ich mich ihr stellen. Und habe ich noch Hilfe an meiner Seite, ist noch nichts verloren.“

Wie können Sie den Menschen helfen?

„Wir versuchen, den Menschen, die sich uns anvertrauen, die Angst zu nehmen. Daraus mündet aber auch die wichtigste Basis dieser Zusammenarbeit: Gegenseitiges Vertrauen. Wir müssen darauf vertrauen, dass unsere Mandanten sich legal verhalten. Auf der anderen Seite arbeiten wir an Lösungen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten und gesetzliche Grundlagen, die wir juristisch verankert gehen können – von der Einmalzahlung zur Entschuldung bis zur Privatinsolvenz. Es ist kein leichter Weg, aber es ist eine große Chance, noch einmal alles auf Null zu stellen. Und mit einer Erfahrung mehr den Rest seines Lebens entspannter zu leben. Jedes Ding hat seine Zeit, jede Zeit hat ihr Ding: gemachte Erfahrungen sind ein großer Schatz, wenn man daraus lernt.“

Wofür geben Sie Ihr gern Geld gern aus?

„Ich ziehe mich gern hübsch an. Manchmal deshalb auch für hochwertige Dinge, dann aber Second-Hand. Mich stört, dass vieles billig produziert und schon nach kurzer Zeit entsorgt wird.“

Lieben Dank, Irina. Ich bin jetzt schlauer, vielleicht auch etwas vorsichtiger und habe tatsächlich mal zusammengerechnet, wie hoch meine monatlichen Belastungen wirklich sind. Puh! Daraus resultiert, dass ich mal wieder meinen Stromanbieter wechseln werde und nach einem neuen Handytarif gucke. Und ich habe beschlossen, mal eine Weile in bar zu zahlen. Aber trotzdem – auch wenn Geld final angeblich nicht wirklich glücklich macht, wäre ich wirklich sehr gern reich;-)

 

 

Amüsante Show, witziger Name: „Knapp daneben“ präsentiert von RBB-Moderator Heiner Knapp

Amüsante Show, witziger Name: „Knapp daneben“ präsentiert von RBB-Moderator Heiner Knapp

Attraktive Männer braucht das Land! So wie Heiner Knapp, in Rheine geboren, in der Pfalz aufgewachsen, in Berlin zuhause. Erst Musik- und Politik-Studium, dann vorübergehend Pianist in der Hausband des britischen Offiziersclub. Seit 1988 Redakteur und Moderator beim Radio, damals noch SFB 1, jetzt Radio BERLIN 88 8. Er moderiert seit Jahren u. a. die Deutsch-Pop-Sendung „Deutsche Vita“. Der Mann sieht nicht nur ziemlich heiß aus, hat eine sexy Stimme (deshalb ja Radio), sehr viel Humor (passt auch zum Radio) und spricht druckreif (falsches Wort, aber lebensnotwendig beim Radio). Und er liebt Musik, spielt Klarinette, Gitarre, Piano und Schlagzeug. Außerdem zeichnet er gern, mag Sport, Reisen und Lesen. Ach ja… er ist natürlich vergeben. Aber das ist heute nicht das Thema. Es geht um ein neues Format mit genialem Titel und viel Esprit: Knapp daneben! AperitiVista war neugierig – hier ist das Interview mit Heiner Knapp:

Was war zuerst da: Die Idee zur Sendung oder der wirklich witzige und treffende Titel?

Heiner Knapp: „Die Idee. Mein Chef hatte im vergangenen Jahr die Inspiration nach der Sondersendung ‚50 Jahre Hey Music‘ zu Ehren unseres damaligen Musikchefs Jürgen Jürgens. Das neue Format sollte ein munterer Plausch mit Berliner Künstlern sein; von Musik begleitet, mit mir am Piano. Wir haben in der Redaktion viel über das Konzept gesprochen und diskutiert. Den Titel hat dann eine Kollegin nach einer schlaflosen Nacht zur Frühkonferenz mitgebracht. In Kurzform: Ich sitze am Instrument neben dem Künstler und moderiere und spiele durch die Show.“

Aber diese Kurzform wird der Sendung nicht gerecht. Es ist viel mehr…

„Es geht um Spontanität, Spaß, Musik, Gespräche – ohne Netz und doppelten Boden. Und ohne Manuskript! Die Musik ist der rote Faden, daraus ergeben sich die Gespräche. Wir machen einfach! Wir agieren, improvisieren, lassen uns aufeinander ein. Mein erster Gast war Klaus Hoffmann.  Ich kenne ihn seit Jahrzehnten und er war bereit, sich auf dieses Bühnenabenteuer einzulassen. Er an der Gitarre und am Mikro, ich am Piano und am Mikro. Wir haben vorher einmal geübt, er hatte einen Wunschkatalog mit 12 Titeln dabei. Irgendwann war er so begeistert, dass er sagte: wir sollten mal zusammen auf die Bühne! Ich habe geantwortet: wir stehen gerade zusammen auf der Bühne! Das war amüsant. Er hat sehr viel erzählt aus seinem Leben. Am Ende des Abends war Klaus Hoffmann happy – das war mir wichtig. Die Sendung hat ihm, unserem Publikum und mir sehr viel Freude gemacht.“ Hier gibt’s die Sendung mit dem Berliner Liedermacher Klaus Hoffmann zum Nachsehen und -hören.

Glückwunsch! Ich kann mir vorstellen, dass ein solches Format für einen Moderator durchaus erstrebenswert ist. Warum also Du?

„Ich hatte mich während zahlreicher RBB-Weihnachtsfeiern qualifiziert…“

Es geht das Gerücht, das du alles spielen kannst – auch ohne Noten….

„Wenn ich einen Titel kenne, kann ich ihn spielen. Es wabern den ganzen Tag Songs durch mein Hirn. Wenn ich etwas höre, weiß ich, in welche Richtung es harmonisch und melodisch geht. Ich muss auch nicht üben, wenn es nicht so kompliziert ist. Aber – wir reden hier von Popsongs, nicht von Rachmaninow oder Chopin. Meine Mutter war Pianistin, ich habe mit etwa 7 Jahren angefangen. Mama war also die Inspiration und ein Klavier war vorhanden. Die Musik begleitet mich schon immer durch mein Leben. Ich habe zwar nicht super gern geübt, aber immer gern gespielt…“

War der Weg als Berufsmusiker eine Option?

„Als Popmusiker vielleicht, aber nicht als klassischer Pianist. Das hatte ich im Kopf, aber andererseits kam recht früh auch die Liebe zum Radio und ich bin ein Freund der Sicherheit. Beim Radio kann ich ja beides machen – ich habe mit Musik zu tun und kann mich meinen Radiofantasien hingeben. Eine gute Kombination.“

Haben Klavierspieler tatsächlich mehr Glück bei den Frauen?

„Sagen wir mal so: Klavierspielen stellt jetzt keine Hürde dar und ja, man erreicht eine gewisse Aufmerksamkeit und ein Wohlwollen, das an der einen oder anderen Stelle die Situation durchaus begünstigen könnte.“

Um sich davon zu überzeugen, gibt es ja das neue Format ‚Knapp daneben‘. Wann sehen wir dich wieder auf der Bühne?

„Am 29. Mai kommt Dirk Michaelis Die Karten kann man nicht kaufen – nur gewinnen! . In diesem Jahr folgen dann noch zwei weitere Termine mit Max Raabe und Yvonne Catterfeld; Vollblutmusiker, die Spaß haben an der Improvisation und mutig genug sind, sich auf dieses musikalische Life-Abenteuer einzulassen. Für Künstler ist diese Sendung in gewisser Weise auch ein Drahtseilakt. Sie verlassen ihre Band, ihren Klavierspieler, ihre musikalische Komfortzone und können mich ja gar nicht einschätzen. Das könnte auch nachhaltig zu Unmut führen, wenn`s nicht klappt.“

Aber Du machst durchaus den Eindruck, dass du das Format im Griff hast: Du spielst, redest, hältst den Rhythmus der Sendung und das alles ohne nennenswerten Ablaufplan oder Moderationskarten. Respekt! Wen hättest du gern noch auf deiner Bühne?

„Till Brönner – im nächsten Jahr. Wir suchen gerade nach einem Termin. Und Reinhard Mey. Mein Idol. Ich baggere ihn gerade sehr an, in der Hoffnung, dass er kommen wird. Das wäre der Ritterschlag für mich und unsere Sendung.“

Übrigens: diese Rubrik heißt ja ‚Auf ein Glas mit‘. Da wir uns im Studio getroffen haben, gibt`s nicht mal Kaffee. Das wird auch technischen Gründen nicht gern gesehen. Alkohol sowieso nicht. Aber wäre es anders und bereits dunkel draußen: Was würde jetzt vor dir stehen?

„Da ich Alkohol noch nie etwas abgewinnen konnte, fällt die Anwort bedauerlicherweise völlig unspektakulär aus. Vermutlich ein Glas Wasser – mit Gas. Oder, wenn ich es richtig krachen lasse, eine Cola Zero.“

Kein Wunder, dass die RBB-Weihnachtsfeiern immer spitze sind, wenn der Mann am Klavier nüchtern bleibt. Vielen Dank für das inspirierende Gespräch!

 

 

 

 

Having a glass with: Khaled Hafez

Having a glass with: Khaled Hafez

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Khaled and Gesa | Realms of Hyperreal II, 2018 | Mixed media on canvas | 300 x120 cm diptyche

When I first meet Khaled Hafez in 2013, we prepared his exhibtion „Berlin Chromosomes“ at Galerie Naimah Schuetter. He is one of the most renowned Egyptian artists, and I was much impressed by his work, his remarkable personality and all the attention we got for that exhibition (which took place just during the Arabian Spring Revolution). This interview was done when Khaled came to Berlin on March 9th, 2018, for the vernissage of his solo show „Realms of the Hyperreal“at NOME Gallery in Berlin-Kreuzberg. The exhibition runs from March 10th to April 20th, 2018 and is not to miss!

Gesa Noormann – Khaled, you had your first solo presentation „Berlin Chromosome“ at Galerie Naimah Schuetter in 2013. It was about the plurality of identities, the translocation and a multiplicity of hybridization and constant historical changes which not only fits the local history of your native city Cairo, but also the history of Berlin. How do you feel coming back to Berlin with your new show „Realms of the Hyperreal“ at NOME Gallery in Berlin? What is your personal relationship with Berlin?

Khaled Hafez – Berlin is a love story since day one; in fact Germany is…. I came first to Germany when I was 22, in 1985; it was still West Germany… It was a love-at-first-site affair; younger then, I hitch-hiked like everyone else; it was different times, before visas, immigration entry barriers, and other travel constraints. I came back only in 2007 for a group show, and an exhibition or the other ever since, sometimes with up to six visits a year.

At Naimah Schuetter Gallery I attempted to recount a personal story with the city: drawing played an integral part of the show; it was a great show, great opening and great reception. The city and the Naimah Schuetter gallery team paid me the tribute of love with a great opening and a great show. At NOME Gallery, I worked with Luca Barbeni –who is initially a curator before assuming the role of the gallerist—with every piece; painting and sculptural video installations play equal roles in the build up of the exhibition. In Realms of the Hyperreal solo presentation at NOME, we attempt to create a visual narrative with every work submitting the visual threads to another work. Identity exploration still intrigues me and constitutes an integral part of every work; the video installations (two in all) were selected to pose more universal questions that transcend any one question: this time I explored memory, personal spaces, and my “revisionist” perception of the past seven years public sphere politics, the politics of my very own past seven years. As always, the city as well as the NOME Gallery team exceeded my expectations.

GN – Starting with the „Philadelphia Chromosome“ in 2005, your works since then are much about representing a hybrid culture that combines elements of East and West or, as international media called it, a “the collision of cultures“. Even in your new series, we still find that unmistaken mix of of ancient iconography with contemporary elements of déjà vu from advertising. Are these (and other) dichotomies still the driving element in your work?

KH – Indeed; historical elements’ appropriation in my work allows me to hybridize, and in fact deconstruct and reconstruct new realities, alternative realities; this happens naturally through visual hybridization. The process by which an ancient god’s mask is given to a top model from a fashion magazine or a body builder from an advertising of transcontinental Gym chain allows me to hybridize and juxtapose on both visual and conceptual levels; this breaks the barrier between past and present; I demolish the preconception of time as we would expect it in a painting. The figures: transformed, hybridized and metamorphosed transcend the space and time of our real world; those figures ooze life in their own dimension; when Jean Baudrillard proposed the term “Hyperreal”, he was referring to an image of a time-space continuum that is frozen in a photograph, creating its own aesthetics due to the limitation of the one medium, hence it becomes “an image of the real that is not forcibly real”, hence: a work about the real that has no “similar” origin; the artwork becomes its own reality in its own time-space dimension. The choice of ancient figures’ elementsare usually from the East, and choice of the “bodies –be it bodybuilder or top model—is from Western magazines, hence the East and West dichotomy and Juxtaposition within a timeless vacuum.

REVOLUTION
Revolution, 2006 | Single-Channel split screen video | Hi-Def & mimi-DV | 4 minutes

GN – You did a remarkable video in 2006, „Revolution“ that is also shown in your current solo show at NOME gallery. At the moment you seem to be more into paintings, do you have any new videos in mind? There has recently been published very interesting videos, like f.e. Japanese designer’s Keiichi Matsudas „Hyper-Reality“ that deals like you with hyperreal realities. What do you think of this kind of video art (as a person that disdains to be called „video artist“ and prefers „film maker“) and how could be the style and aesthetics of a new video of yours today?

KH – I agree that my film / video practice slowed down in the past four years; in fact I have not scripted a video narrative since 2011; my last scripted production was The Video Diaries: 11.02.2011. My works for the two consecutive Venice Biennales: 2013 and 2015 (the 55th and the 56th Biennales) were non-narrative works: I shot and edited the 2013 production between seven cities around the notion of water, rivers and seas. The work of 2015 was an animation based on the elements from my painted surfaces; hence the work was around inflicting 2-D animated life into a painting reference. The reason for not getting into a narrative production is that I lost interest in politics: totally, categorically and for the moment I can claim “for some time”. Politics always –since 2001—drove my film/video practice, and it is in politics that I always found my “irony” method to tell my narrative. Since 20011, too many people lost their lives: young, poetic, thought that change could happen by thought, ideas and “young methods”. I cannot approach my work in irony many more, and irony is my “vocal dimension”; the method I am good at when I express. I seek the smile of the viewer as she/he approaches my work, and irony dwarfs in front of loss of life. I resort more to painting and installation to express, and keep video till one day when I am inspired to do so. Hyperreality is a proposition of Baudrillard since 1980, and ever since many artists have been inspired by the thought, each in a different method; the idea of an artwork simulating reality and a real without origin is seductive.

For me, I like to perceive myself as a filmmaker, not as a video artist. Video is only a tool to create film, among other tools. If you ask me, the worst art I have seen in my life, and the most detestable was/ is from the video genre. Filmmaking is the original act, where writing, scripting, editing and sound unite to form a narrative. Non-scripted video pieces are too risky: many times mediocre. Anyway, inspired art –no matter what the medium is—manifests and has captivating power. Mediocre pieces from all genres exist all around as well. I prefer and like to think of myself as a filmmaker rather than video artist.

GN – According to you, what influence do politicians like Trump and new political right-wing movements like AfD in Germany have on the understanding between Eastern and Western cultures? How do you as a cosmopolitan mind evaluate these new nationalistic tendencies?

KH – Nationalism is a threat from the East and from the West: religious right wing to nationalist right wing. To me both are mentally terrorizing even if not radical; it is why many from the Egyptian intelligenzia chose and voted for a military solution of a ruling religious right wing. If you ask me: I think it is a vicious circle: neo-colonialism drives people out of their countries because the colonial forces deals with dictators who enslave their own citizens who opt for terrorism or immigration or collaboration with corrupt regimes, all feed into nationalist thought from all protagonists. Vicious circle that leads to no solution except the choices of law, equal opportunity and civil rights.

GN – And how has your personal situation as an artist in Cairo changed since the „Arab Spring“ in 2013?

KH – I guess I am not the same person as before 2011, and my practice will never be the same again after 2013. I lost interest in politics; I changed my priorities to visual values that transcend simple events. I like to create works that would be timeless in 25 years from now. How and for how long I have no idea; I teach two days now, and enjoy my studio practice five, including weekends. For the past 30 years I have built my career in Cairo, and I would still do so in the next years. I slow down sometimes: it may be linked to projects, deadlines, and/or age and the selectivity / choices that come with experience. I used to travel 12 times a year for exhibitions a few years ago; I decided two years ago to select more and arrange priorities. I am always optimistic, perhaps politics will inspire me again: I have no idea. Today music inspires me a lot; I have five turntables, 1500 vinyl records, equal number of CDs, some are pirated, so I play hours of music every day as I work, and when I do not work. If I were not a painter I would have loved to play rock music and Jazz, electric guitar or alto sax. Maybe it is time to learn German and Italian, and perhaps a musical instrument to make noise in my studio.

GN: Thank you so much, Khaled, for this interview. Take care and hope to see you soon in Berlin or in Cairo or maybe Venice?

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