Nach Greifswald – einem im Übrigen sehr hübschen Backsteingotik-Städtchen – fährt sicherlich niemand, um kulinarische Höhenflüge oder eine besonders ausgesprägte Service-Mentalität zu erleben. Wir wollten die Stadt als potenziellen Studienort für die Kinder kennenlernen und hätten, wäre es nicht Anfang Februar gewesen, sicherlich eines dieser legendären Fischbrötchen von Fisch13 (die Spezialität des Hauses trägt tatsächlich den Namen „Pflaumenaugust“) auf irgendeiner netten Kaimauer gegessen. Nun war es aber kalt, und die Familie wollte es nett haben. Die Wahl fiel also nach längerer Recherche auf das mit einem Bib Gourmand ausgezeichnete und vielversprechend klingende Restaurant Tischlerei.

Dass es im durchaus reizvollen Yachthafen ausgesprochen schwer zu finden war („Warum sollten wir Schilder aufstellen? Uns gibt es seit sieben Jahren, andere Gäste finden uns auch“) und keine Parkplätze vorhanden waren, fand ich nicht sooo schlimm (der Vater meiner Töchter umsomehr), die frostige Begrüßung auf die Frage nach dem reservierten Tisch mit „Suchen Sie sich einen aus“ und „die Speisekarte hängt da hinten“ wäre ohne den Kontext Familienausflug allein schon Grund genug gewesen, gleich wieder zu gehen. Zur Auswahl standen drei Vorspeisen und vier Hauptgerichte (eines war bereits durchgestrichen) und ein Tagesgericht. Wir wählten zweimal die Rote Beete-Suppe (durchaus gut, aber nur notdürftig aufgewärmt serviert), ein Tages-Chili-con-Carne und zweimal den Skrei, zu dem uns die Kellerin nach 10 Minuten mitteilte „Für den Skrei gibt es Flussbarsch“. Also nicht: tut uns leid, der Skrei ist aus oder so ähnlich, deshalb haben wir jetzt frischen Flussbarsch, den unser Küchenchef so und so zubereitet. Abgesehen davon ist es in einem fast leeren Lokal und angesichts einer derart überschaubaren Karte sicherlich kein Luxus, wenn der Service vor der Bestellung über das aktuelle Angebot informiert, statt auf eine nicht aktuelle Schiefertafel zu verweisen.

Wie auch immer, wir hatten keine Lust auf Flussbarsch, auch nicht auf das Hirschgulasch und die beiden anderen deftigen Fleischgerichte, also nahmen wir den als Vorspeise gedachten kalten weißen Thunfisch mit Algensalat, der ok war, den eine gute Sushi-Bar aber genauso gut hinkriegt hätte. Das Tagesgericht war laut Aussage meiner Tochter lecker – ich stehe allerdings nicht so auf Chili con carne. Auch die mehr als überschaubare Weinkarte ohne erkennbares Konzept hatte das Niveau asiatischer Imbisse. Positiv fiel auf, dass direkt eine Karaffe mit Wasser auf den Tisch gestellt wurde – den Krug knallte die Kellnerin genauso lautstark auf den Tisch wie alles andere.

Dass es sich bei dieser Demonstration von Gastfeindschaft nicht um einen Ausreißer der Kellnerin handelte, wurde im anschließenden (zufälligen) Gespräch mit der Chefin deutlich: kaum Reue, und kein ernsthafter Versuch, uns zu einem erneuten Besuch zu motivieren – dafür, dass wir empfangen wurden wie die ungeliebte Schwiegermutter, bei Minusgraden mehr oder weniger kalte Vorspeisen gegessen haben und das (auch für Berliner Verhältnisse) alles andere als günstig, wäre zumindest ein Getränk oder Dessert aufs Haus drin gewesen. Die Michelin-Tester scheinen in einem anderen Restaurant gewesen zu sein, oder die Tischlerei hatte einen sehr schlechten Tag – schade eigentlich.

Posted by:gesetta

Aus dem norddeutschen Flachland zog es mich schnell nach Italien und Frankreich, wo ich das mediterrane Lebensgefühl in jede Pore aufgesogen habe. Ich liebe Venedig, Aperol Spritz und gutes Essen. Schon als Kind hasste ich Jugendherbergen, praktische Kleidung und flache Schuhe. Nach unzähligen herrlichen Hotels und einem unprotestantischen Ja zum Glamour kann ich letzteren beiden inzwischen sogar etwas abgewinnen. In 10 Jahren kommt vielleicht die Zeit für Jugendherbergen, weil ich mich jung fühlen möchte. Besser nicht.

4 replies on “Greifswald im Februar oder Gastfeindschaft auf Vorpommerisch

  1. Liebe Gesa,
    Deine Beschreibung erinnert mich sehr an meine Erfahrungen, die ich in MV und Brandenburg gemacht habe……im Jahr 2001!!
    Seitdem nichts gelernt???
    Liebe Grüße, Emel

  2. Liebe Gesa,

    ich kann mich nicht erinnern, in der Tischlerei jemals so behandelt worden zu sein. Da habt ihr eine wirklich ärgerliche Erfahrung gemacht. Vielleicht nächstes Mal dann doch lieber den Pflaumenaugust, im Sommer, am Hafen. 🙂

  3. Liebe Lola,

    danke für Dein Feedback und die aufmunternden Worte – wir kommen im Sommer wieder!

    Liebe Grüße

    Gesa

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