Online-Cooking-Masterclass mit Matteo Metullio von Harry’s Piccolo Restaurant

Online-Cooking-Masterclass mit Matteo Metullio von Harry’s Piccolo Restaurant

ITALCAM lädt zum virtuellen Meister-Kochkurs

Als die Einladung zur Online-Cooking-Masterclass mit Matteo Metullio und Davide Da Pra ins Haus flattert, zögere ich keine Sekunde und bestelle das Paket mit typisch friulanischen Produkten für ein Risotto mit Formadi Frant-Käse und San Daniele-Forelle. Nicht nur, dass der gebürtige Triestiner Chef seiner Heimatstadt 2 Michelin-Sterne eingebracht hat und das Team Metullio-Pra zu den interessantesten Auftsteigern der italienischen Gourmetszene zählt. Auch, dass Reisen und Restaurantbesuche in Zeiten der Pandemie zu einem Sehnsuchtsgut geworden sind und wir kreative Initiativen wie die von PromoTurismo Friulisch Julisch Venetien und ITALCAM organisierte Online-Cooking-Masterclass mit Matteo Metullio als großartige Abwechslung zum monotonen Lockdown-Leben begrüßen.


Davide Da Pra (links) und Matteo Metullio, auf der Piazza dell’Unita d’Italia in Triest

Die ersten zwei Michelin-Sterne für Triest

Es sind die ersten Zwei-Michelin-Sterne in der Geschichte der mitteleuropäischen Stadt par excellenze, vereinen sich hier im Nordosten Italiens doch die slawische, österreichische und italienische Kultur. Mitten in der Hauptstadt der Region Friaul-Julisch Venetien befindet sich die atemberaubend schöne Piazza dell’Unità d’Italia mit dem traditionsreichen Luxushotel Duchi D’Aosta. Eine bessere Adresse hätte Matteo Metullio mit seinem Sous-Chef Davide Pra für die Gründung des Gourmetrestaurants Harry’s Piccolo kaum finden können.

True Italian Taste: Beste Produkte aus Italien

Die Online-Cooking-Masterclass mit Matteo Metullio findet im Rahmen von True Italian Taste statt, eine Aktion des italienischen Außenministeriums, die auf die hohe Qualität authentisch italienischer Lebensmittel aufmerksam machen möchte. Wir freuen uns also auf die einmalige Gelegenheit, mit dem Dreamteam gemeinsam auf Zoom ein CREMIGES RISOTTO MIT KÄSE «FORMADI FRANT», MEERRETTICH UND GERÄUCHERTER FORELLE zu kochen. Zu diesem Gericht mit DOP und DOC-Produkten der Region empfehlen die Köche die Weißwein-Cuvée Gramogliano 2019, die nach dem gleichnamigen Weinberg von Canus in Corno di Rosazzo benannt ist.

Insidertipps für Sterne-Risotto

60 TeilnehmerInnen sind der Einladung von ITALCAM zur Online-Cooking-Masterclass mit Matteo Matullio gefolgt. Auch Risotto-Profis dürften überrascht gewesen sein, dass der Sternekoch den Vialone Nano-Reis ohne Öl im Topf erhitzt und die richtige Temperatur mit der Hand überprüft. Erst dann löscht er mit Weißwein – idealerweise dem Gramogliano, den wir später zum Essen trinken – ab. Das köstlich nach frischem Heu duftende Tergeste DOP Olivenöl wird erst später zugegeben. Vorher rühren wir den Formadi Frant-Käse ein, der sich sofort im al dente gekochten Reis auflöst. Das intensive, fast an Schimmelkäse erinnernde Aroma dieses auschließlich im Friaul hergestellten Rohmilchkäses verleiht dem Risotto seinen charakteristischen Geschmack. Frisch geriebener Kren (Triestinisch für Meerettich) sorgt für delikate Schärfe, die Butter (in Ermangelung eines friulischen Originals nehmen wir französische) für die Cremigkeit. Die in Würfel geschnittene, geräucherte San Daniele-Lachsforelle toppt das Zusammenspiel dieses ganz besonderen Risottos.

Typische Weißweincuvée von Canus

Das zwar cremig anmutende und unschuldig wirkende Reisgericht überrascht mit einem aromaintensiven, handfesten Geschmack, der nach einem olfaktorisch ebenbürtigen Wein verlangt. Die komplexen Aromen des Bianco DOC Friuli Colli Orientali Gramogliano 2019 von Canus setzen mit kräftiger Säure einen gelungenen Konterpart zum Risotto. Genau wie die eingesetzten Zutaten spiegelt die Cuvée aus den regionaltypischen Rebsorten Friuliano, Pinot Grigio, Sauvignon und Ribolla Gialla die Region Friulisch Julisch Venetien perfekt wieder. Das Zusammenspiel beider evoziert die unberührte Natur Karniens, den Karst und die Traditionen mitteleuropäischer Küche aufs Allerschönste. Vielen Dank für die Online-Cooking-Masterclass mit Matteo Matullio und den virtuellen kulinarischen Ausflug ins Friaul! Welch ein Fest wird es sein, bei Matteo Metullio und Davide Pra das Original-Risotto genießen zu können. Diesen Sommer in Triest, hoffentlich.

Das Rezept

CREMIGES RISOTTO MIT KÄSE «FORMADI FRANT», MEERRETTICH UND GERÄUCHERTER FORELLE

ZUTATEN FÜR 1 PERSON

50 g Vialone Nano Reis
Weißwein ca 50 ml. (als Zugabe)
200 ml Gemüsebrühe
20 g gehäutete und entgrätete Räucherforelle 10 g frische Meerrettichwurzel
20 g Alpenbutter
10 g natives Olivenöl extra
25 g Formadi Frant Käse
Salz und Pfeffer nach Belieben

Die Zubereitung findet ihr auf dem Video der Online-Cooking-Masterclass mit Matteo Metullio und Davide Pra findet ihr hier.

Ana Roš in der Hiša Franko: Die slowenische Weltköchin

Ana Roš in der Hiša Franko: Die slowenische Weltköchin

Von Venedig nach Kobarid

Gut zwei Stunden dauert es mit dem Auto von Venedig nach Kobarid. Nach den sanften Ebenen des Veneto, an Sile und Lagune entlang, verändert sich die Landschaft spätestens ab Cividale del Friuli. Es wird bergig, einsam, ein paar Regenwolken ziehen auf. So unmerklich, wie die Temperaturen auf unter 20 Grad fallen, geht Italien in Slowenien über. Hier, 10 Kilometer hinter der Grenze, liegt in einem idyllischen Tal die sagenumwobene Hiša Franko. In diesem traditionellen, rosa gestrichenen Haus verbirgt sich also das Restaurant, das kürzlich den 37. Platz auf der Liste der besten Küchen der Welt belegte. Dementsprechend sind wir mehr als gespannt auf Ana Roš in der Hiša Franko, auf eine Köchin, die 2017 die Riege der weltbesten Köchinnen anführte. Nur Sterne hat das Restaurant noch nicht – aus dem einfachen Grund, dass der Michelin Slovenien (noch) ignoriert.

Die Hiša/Casa Franko

„As I often like saying, Hiša Franko does not want to be a classical hotel or restaurant. Hiša Franko is a countryside place, relaxed and peaceful“ betont Ana Roš in ihren Grußworten zum Abendmenü. In der Tat ist es ihr, ihrer Familie und ihrem Team gelungen, einen Ort großer Schönheit zu schaffen. Jedes Detail scheint wohlüberlegt, es überwiegen Naturmaterialien und individuell für das Haus designte Objekte. Ein gewisses Kokettieren mit ländlicher Einfachheit bestimmt den Geist dieses vom Streben nach Perfektion geprägten Hauses. Außerdem fallen die Freundlichkeit des Empfangs und eine familiäre Herzlichkeit des Teams auf, ohne die Formalität und Steifheit klassischer Sternerestaurants

Höchste Konzentration

Ana Roš kocht in der Hiša Franko ein einziges 15-Gänge-Abendmenü. Vegane oder vegetarische Varianten gibt es nicht, und es wird auf maximal eine Unverträglichkeit Rücksicht genommen. Das liegt daran, dass hier allein die maximale Geschmacksexplosion eines streng regionalen und saisonalen Menüs im Vordergrund steht. Diese Radikalität kann sich Ana Ros dank ihrer Prominenz leisten. Schließlich kann sich glücklich schätzen, wer überhaupt einen Tisch ergattert. Diese sind puristisch gedeckt und entbehren jeglicher Luxusgastronomie-Accessoires. Weder die legere Atmosphäre noch das junge Team sollten jedoch darüber hinwegtäuschen, dass Ana Roš volle Konzentration auf das Essen verlangt. „This is not a ruleless restaurant“ heißt, keine Unterbrechungen zu provozieren, etwa durch das Posten von Selfies oder Stories. Im Mittelpunkt stehen allein das Essen und gute Gespräche am Tisch. Deshalb beschränkt sich das Servicepersonal auch auf die Erklärung der optimalen Ess-Reihenfolge zwecks maximaler Geschmacksentfaltung.

Das Late Summer Menu: Start mit den Finger Bites

Nach einem hervorragenden roten slovenischen Sekt aus 85% Refosco und 15% Merlot starten wir mit den Fingerbites, fünf an der Zahl. Gleich zu Anfang entfaltet sich in dem Kefir mit Forellenkaviar, grüner Mandel, grünen Bohnen und Birnenkugeln ein Feuerwerk aus Konsistenzen und Aromen, aus Süße und Säure. Herrlich frisch und ein fulminanter Einstieg, der Lust auf mehr macht. Eine weitere Offenbarung ist das Taco mit Wildpflanzen, Holunderblüten und Haselnuss-Miso. Als es zum Kalbshirn im Cranberry-Bignè kommt, muss unser römischer Kellner Stefano mir erstmal Mut machen: Es sei eines seiner Lieblingsgerichte in diesem Menü. Wie versprochen, zergeht das zarte Fleisch mit den leicht weihnachtlich gewürzten Cranberries nach einem beherzten Biss in das perfekt knusprige Beignet ganz wunderbar auf der Zunge. Ein Hoch auf Verwendung des ganzen Tieres!

Die Table Bites: Kunstwerke am Gaumen

Die Table Bites offenbaren uns weitere Geschmacksexplosionen aus der Küche von Maestra Ana Roš und dem Team der Hiša Franko. Allem voran das köstliche Brot nach Geheimrezept von Bäckerin Nataša Đurić, das mit Melasse aromatisiert und dessen Kruste genau knusprig ist wie der Teig fluffig. Dazu gibt es schaumige Butter mit Honigpollen, zu der ich ein wenig beschämt (weil von der Maestra nicht vorgesehen) Salz ordere. Es folgen Blüten- und Aromenmeere, die „Flavoures of Istrian Summer“ mit Wassermelone und Pesto, ein Traum aus Feigen, Kaffee, Joghurt und Gänseleber, Erdnuss-Auberginen-Schokoladen-Emulsion und Forelle mit Wildblumen. Die ganze Natur Istriens landet auf den wunderschönen Keramik-Tellern, so dass das Essen wie ein Spaziergang durch die Wälder und Wiesen Kobarids anmutet. Mit Salz und Pfeffer geht Ana Ros in der Hiša Franko übrigens eher sparsam um – wahrscheinlich um die Produkte eher durch ungewöhnliche Konsistenzen und Kombinationen denn durch Gewürze in den Vordergrund treten zu lassen.

Hauptgang oder Desssert?

Auf die klassische Unterscheidung zwischen Vor-, Haupt- und Nachspeise verzichtet Ana Roš in der Hiša Franko ganz. Unmerklich verschwimmen die Übergänge zu süßeren Gerichten, allen voran das „Masterpiece“, ein Croissant aus Apfel, Gans und Dulce de leche gefüllt mit Aprikoseneis auf Bienenwachs-Dip. Der Name übertreibt keineswegs, denn das hier ist ein Meisterwerk nicht nur in der Herstellung (ein besonderes Kompliment an Ana Ros‘ Patissière), sondern auch im Geschmack. Ebenfalls zwischen süß und salzig angesiedelt ist die „(R)evolution of Kabariski Strukelij“. Diese Kreation aus Äpfeln, Walnüssen und Schweineschmalz sowie einer Crème brulée aus geräuchertem Schwein, Trockenpflaumen und Meerettich, haut uns geradezu um. Solches sind Gerichte, die sich für Jahre in die Geschmacksnerven eingravieren. Das einzige als „Sweet Bite“ bezeichnete Dessert ist mit gerösteten Erdnüssen kurioserweise das salzigste Gericht auf der ganzen Karte (und nicht das stärkste).

Valters Käse

Die Hiša Franko ist nicht nur für Ana Roš, sondern auch für die Käse und Weine ihres Mannes Valter berühmt. Die Tolmin-Käseauswahl ist nicht Teil des Menüs und wir sind bereits mehr als satt, aber wir sind einfach zu neugierig. Eine gute Wahl, denn zusammen mit Zwiebelchutney, Dulce de Leche und Akazienhonig stellen die verschiedenen lange gereiften und von Valter liebevoll gepflegten Ziegenkäse eine würzige Ergänzung des Menüs dar. Sehr köstlich!

Slovenische Naturweine

Wie immer wählen wir die Weingegleitung, umso mehr, weil Valters Keller sich durch außergewöhnliche slowenische Naturweine auszeichnet. Angesichts einer sportlichen Menüfolge und eines fast militärisch durchgetakteten Services finden sich auf unserem Tisch bald mehrere halbvolle Weingläser – wir kommen einfach nicht hinterher. Während wir unsere beiden Apertif-Weine noch genießen konnten, gehen die bemerkenswerten Tropfen (zwei Weißweine, drei Rotweine) leider fast unter. Entweder mangelt es unserem Sommelier (der gleichzeitig Restaurantleiter ist) an Zeit, oder er verzichtet bewusst auf Erläuterungen zu den Weinen bzw. warum er diese ausgewählt hat (wie etwa bei Fritz Blomeyers Käse und René Arnolds Wein).

Fazit: Viel Hype, viel Ehr

Ansgesichts des Hypes um Ana Roš waren unsere Erwartungen denkbar hoch. Dennoch sind sie nicht enttäuscht worden, im Gegenteil. Anas slovenische Gourmetküche auf Weltniveau spricht mit jeder Faser von der Liebe zu den Produkten zu ihrer Heimat. Die Kombination aus Bodenständigkeit, Kreativität und Perfektion lässt es fast unvorstellbar erscheinen, dass der Autodidaktion eigentlich eine Karriere als Profisportlerin und Diplomatin vorgezeichnet war. Das junge internationale Team, der unverkennbare Stil, der sich im wunderbaren Keramik-Geschirr, der Tischwäsche und den Lampen niederschlägt, unterstreicht Anas ganz persönlichen Kochstil. Streng ist sie, gradlinig, und vor allem verzichtet sie komplett darauf, sich den kulinarischen Trends der Großstädter anzubiedern. Dazu gehören Mut und harte Arbeit: Umso besser, wenn diese mit Weltruhm belohnt werden. Für uns gehört das Late Summer-Menu in der Hiša Franko zum Besten, war wir je gegessen haben. Und angesichts des hohen Aufwands des 40-köpfigen Teams ist der Preis mehr als angemessen. Mille grazie Ana Roš & Team!

P.S. Übernachten in der Hisa Franko

Wie wahrscheinlich die meisten Gäste der Hiša Franko haben auch wir im Hotel übernachtet. Mit viel Liebe und warmen Farben gestaltet, strahlt dieser Ort Harmonie und Ruhe aus. Das „Simple Breakfast“ besteht aus dem legendären Krustenbrot von Nataša, slovenischen Milchprodukten wie Kefir und fermentierten Milch, Obst aus dem Garten und Trockenfrüchten. Ein Gedicht, und der perfekte Abschluss dieser kulinarischen Ausnahmeerfahrung.

Hiša Franko, Staro selo 15222 Kobarid, Slowenien

Menü: 150 Euro, Weinbegleitung 75 Euro, Zimmer ab 120 Euro

Fotos: Aperitivista, Susan Gabrijan, Benjamin Schmuck, Robert Ribic

Italienisch essen in Heiligendamm: Das Medinis

Italienisch essen in Heiligendamm: Das Medinis

Von Berlin nach Heiligendamm

Wir gehen italienisch essen in Heiligendamm. Gut zweieinhalb Stunden braucht der Regionalzug vom Berliner Hauptbahnhof nach Rostock. Der Blick über die weiten Weizenfelder Mecklenburgs stimmt auf die weiße Stadt am Meer ein. Unser Ziel ist das legendäre Seebad Heiligendamm, in dem pünktlich zu Ostern das Restaurant Medinis mit klassisch italienischer Spitzenküche eröffnet hat. Von Berlin aus wächst sich das mittägliche Lunch so zu einer echten Landpartie aus. Und diese lohnt sich allein schon wegen des tiefblauen Himmels, der Weite des Meeres und dem großbürgerlichen Buddenbrook-Charme der Heiligendammer Strandpromenade.

Maßgeschneidertes italienisches Restaurant

Am Ende der „Perlenkette“ aus größtenteils bereits renovierten Strandvillen befindet sich im östlichsten historischen Haus Bischofsstab das Medinis. Es ist ein für Heiligendamm-Investor Anno August Jagdfeld typisches Restaurantprojekt. Den apulischen Spitzenkoch Luigi Frascella hatte er in Harry’s Bar in London entdeckt und mit der Zusage, ein ihm auf den Leib geschneidertes Restaurant zu errichten, nach Heiligendamm geholt. Frascella hat es offenbar nicht bereut und schwärmt von Heiligendamm, den tollen Synergien mit der Familie Jagdfeld und dem schönen Umfeld, in dem seine kleine Tochter aufwachsen wird.

Maritimes Design

Pate für den Namen stand quasi der Urvater italienischer Küche in Heiligendamm Gaetano Medini, „Oberhofküchenmeister“ des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin im 19. Jahrhundert. Für die herrlich luftige, maritime Ausstattung zeichnet Jagdfelds Frau Anne Maria verantwortlich. Wie in den anderen Restaurants bewies sie auch im Medinis ein unfehlbares Händchen für luxuriöse Interieurs: „Inspiriert von der Weite des Himmels und dem Blau des Meeres wollte ich ein Ambiente schaffen, das die Stimmung der Seebadkultur aufnimmt und eine zeitlose, selbstverständliche Eleganz ausstrahlt.“

Aperitif am Meer: Franciacorta & Octopus

Ordentlich beeindruckt von diesem Arkadien am Meer und dem Glück, einen nahezu perfekten Junitag erwischt zu haben, steigt unsere Vorfreude auf die angekündigte klassisch-italienische Spitzenküche. Nachdem mein Kollege Niko Rechenberg und ich uns während der Fahrt inständig einen Franciacorta als Aperitif gewünscht hatten, werden wir mit der „Ca del Bosco Cuvée Prestige“ großzügig belohnt. Dazu reicht Küchenchef Frascella persönlich hausgebackene Grissini mit Parmesan, weißem Pfeffer und Parmaschinken. Dazu gibt es delikat gegrillten Octopus und Gamberi mit Porchetta, die förmlich auf der Zunge zergehen. Wir fühlen uns wie in Portofino, wo die Blautöne ebenso mit dem Meer verschwimmen wie in Heiligendamm. Gibt es eigentlich schon den Begriff des „Infinity Restaurants“? Das Medinis wäre ein gutes Beispiel dafür. Definitiv heißt  Italienisch essen in Heiligdamm hier Dolce Vita wie in Italien.

Die Antipasti: Produkte bester Herkunft

Ganz klassisch italienisch geht es weiter mit den Antipasti. Dazu gehören Wassermelonensalat mit Rucola und Feta, Carpaccio di Manzo, gefüllte Zucchiniblüte, gegrillte Paprika, in Kastanienblättern gereifter Pecorino. Zum Dahinschmelzen entpuppt sich der Kartoffelsalat mit Trüffeln. Bei diesem Signature Dish von Luigi Frascella geraten seine Fans regelmässig in Ekstase. Sehr fein ist auch das Wolfsbarschcarpaccio mit Confit von Sorrent-Zitronen und Gemüse, der genau wie die anderen Vorspeisen in reinster Form die Produktliebe und technische Perfektion Frascellas zeigt. Typisch für italienische Chefs legt er besonderen Wert auf hervorragende Zutaten bester Provenienz. Diese stammen entweder aus Italien oder vom Jagdfeldschem Bioland Gut Vorder Bollhagen (von hier bezieht auch der India Club im Hotel Adlon sein Fleisch), und einige baut er sogar im eigenen Kräutergarten an.

Die Primi Piatti: Pasta vom Feinsten

Als Primi Piatti serviert Luigi Frascella erst einen Ravioli-Tris. Köstlich das mit Osso buco alla milanese gefüllte Exemplar, das mit einer Sauce aus dem Knochensud kommt. Auch der Raviolo mit Ricotta und Tomatenessenz und einer Gremolata aus Rosmarin, Zitrone und Orangen schmeckt hervorragend. Sein ganzer Stolz allerdings sind die schlicht von einem aromatischen Tomatensugo begleiteten Gnocchi. Diese stellt er als gelungene deutsch-italienische Allianz aus Kartoffeln der Sorte Adretta her, die direkt vom Gut kommen. Die Knollen kocht er nicht etwa, sondern bäckt sie zwei Stunden lang bei 100 Grad im Ofen. Ihre perfekt mehlige Konsistenz sorgt dafür, dass sich die Zugabe von Ei und Mehl erübrigt. Das Ergebnis ist sensationell. Diese Gnocchi vergißt man nicht, und sie zählen definitiv zu den zartesten, fluffigsten und vollkommensten, die ich je gegessen habe.

Weinauswahl von den Sommeliers des Lorenz Adlon

Auf der von den Sommeliers des Lorenz Adlon in Berlin zusammengestellten Weinkarte fällt auf, dass sich hier nicht auf die großen, prestigeträchtigen Regionen und Weingüter beschränkt wird. Vielmehr stechen eigenwillig aromatische Tropfen wie die Cuvée Re Manfredi aus Müller Thurgau und Traminer-Trauben hervor. Dank des vulkanischen Bodens der Basilikata verfügt sie über eine schöne Balance aus Mineralität und weicher Trinkigkeit. Der hervorragende Terlaner|Vorberg, ein Pinot bianco aus Südtirol, hingegen präsentiert sich gefälliger, mehrheitsfähiger und zudem als ausgezeichneter Begleiter zum Fisch.

Riesengarnelen vom Josper Grillofen

Während wir noch in den Pastagerichten schwelgen und uns im Mozzafiato-Blick auf das Meer verlieren, steht der Chef bereits an seinem Josper, dem ultimativen Kohle-Grillofen aus Spanien, um die Gamberoni alla griglia alla pizzaiola vorzubereiten. Diese Tiere sind wirklich riesig und kommen mit vielen Kräutern, Tomaten, Anchovis, Kapern, Rucola (Luigi liebt Rucola!) aufgeklappt auf den Tisch – für meinen Geschmack von der Konsistenz her nicht ganz perfekt, sondern einen Tick zu mehlig, was vielleicht der Größe geschuldet ist. Angesichts der seit Stunden überbordenden Tafel verzichten wir wohlüberlegt auf den Fleischgang und gehen direkt zum köstlich erfrischenden Sorbet aus Ananas, Minze und Vanille und einem verführerisch schmelzenden Schokoladenfondant über. Schnell noch ein Kaffee im Stehen, in den Shuttle und in letzter Minute auf den Zug gesprungen…

Italienischer Leuchtturm in Mecklenburg

Ob wir wiederkommen? Ganz bestimmt! Italienisch essen in Heiligendamm könnte nicht schöner sein. Dieser Tag am Meer hatte etwas Magisches, für ein paar Stunden sind wir dem Alltag entkommen, haben Pläne geschmiedet, eine der noch nicht sanierten Villen als Alters-WG umzubauen oder beim nächsten Besuch des Medinis eine Nacht ein Grand Hotel Heiligendamm zu verbringen oder am Strand… denn selbst im großen Berlin ist es gar nicht so einfach, so sauber und präzise zubereitete italienische Spitzenküche zu finden. Ein großes Kompliment an Luigi Frascella und sein Team für diesen italienischen Leuchtturm in meinem geliebten (und gastronomisch so arg vernachlässigten) Mecklenburg. Ci vediamo presto!

RESTAURANT MEDINIS, 
Prof.-Dr.-Vogel-Straße 14, 
18209 Heiligendamm. 
www.medinis-restaurant.com

Kreta, Du Schöne oder: Nanna heiratet

Kreta, Du Schöne oder: Nanna heiratet

Wer weiße Würfelhäuser und blaue Kuppelkirchen erwartet, wird von Griechenlands größter Insel enttäuscht: Kreta mutet vielfach festländisch an, und ihre Schönheit erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Meine Aperitivista-Kollegin Martina weiß ein Lied davon zu singen, als sie vor kurzem in einer Art kretischem Ballermann (siehe Ihren Blogpost „Kreta: Hippie und Horror“) landete. Viele Küstenabschnitte sind durch den intensiven Tourismus verschandelt, die zahlreichen Bauruinen legen wie in anderen Massentourismusregionen Zeugnis von Fehlspekulation ab. Insgesamt gilt, dass die Südküste sehr viel unberührter ist als der Norden, und so hat sich die Insel uns von Ihrer schönsten, ursprünglichsten Seite präsentiert – und gleichzeitig als die mehr als angemessene Kulisse der Traumhochzeit „Nanna & Dirk say Yes“.

 

Die Einladung kam im grauen Berliner November. Michele und ich buchten also die Flüge, ein Zimmer im Agios Pavlos Hotel (wir wählten angesichts eines gewissen Ruhebedürfnisses die nur 400 m entfernte Dependance Kavos Melissa mit spektakulärem Blick) an Nannas Sehnsuchtsort in einem nahezu unverfälschten Ort an der pittoresk zerklüfteten kretischen Südküste. Die Webseite schwärmt von „enjoy unforgettable moments at the family run Agios Pavlos Hotel with direct access to the wonderful sandy beach, discover the unspoilt nature far away from mass tourism and taste the delicious Cretan food at the Agios Pavlos restaurant“ – das ist bis auf eine kleine Ausnahme keinesfalls übertrieben. Nur „delicious food“ assoziiert man nun wirklich nicht mit der kretischen im Speziellen und der griechischen Küche im Allgemeinen. Ok, für alle, die jetzt laut aufjaulen: Ja, auf der Insel gibt es gute Produkte, hervorragendes Olivenöl und frischen Fisch, Joghurt, Thymianhonig, Nüsse und Kräuter. Auch den einen oder anderen passablen Wein. Alles lecker, aber die Köche beweisen (im Gegensatz zu den benachbarten türkischen Kollegen) nicht eben viel Fantasie, so dass man angesichts von Pasten, Bauernsalat und gebratenen Kalamari relativ schnell verzweifelt und sich sehnsüchtig fragt, wie wohl die griechische Sterneküche schmecken könnte. Dafür hätten wir allerdings nach Athen fahren müssen, in dem sich die insgesamt fünf (!) Sterne-Restaurants des Landes befinden. Also keine Option, und letztendlich spielte das Essen angesichts der überwältigenden positiven Schwingungen selbst für mich eine überraschend untergeordnete Rolle.

Die Hochzeitseinladung erwies sich als ideal ausbalancierter Urlaubsmix: unter den 70 Hochzeitsgästen fanden sich immer interessante Gesprächspartner, einig in der Freude über dieses großartige Ereignis und die Magie des Ortes. Auf der anderen Seite konnten wir in Ruhe die Insel erkunden und machten uns auf ins Hinterland zum schönen Örtchen Spili, um Olivenöl, Wein und Schafskäse einzukaufen und bei herrlichstem Wetter die lokalen Süßigkeiten zu einem griechischen Frappé zu kosten. Unvergesslich auch eine der unserer Meinung nach schönsten Küstenstraßen, die mit einem Kleinwagen kaum zu meisternde Schotterpiste nach Agia Galini. Hier stellte sich allerdings heraus, dass der Weg das Ziel war, denn der kleine Hafenort wimmelt nur so von siebensprachigen Speisekarten vor Restaurants, die man AUF GAR KEINEN FALL (wie Martina sagen würde) betreten möchte. Wir wichen aus ins schöne Irini Mare und genossen einen Aperitif im Garten des gerade nach der Winterpause wiedereröffneten Hotels

 

Das Fest erstreckte sich über mehrere Tage und startete mit Dirks Geburtstag am Samstag Abend, bevor sich das Brautpaar am Montag am Strand das Ja-Wort gab. Im Vorfeld übten wir in unserem kleinen Paradies Sirtaki, den seit Alexis Zorbas legendären kretischen Tanz und legten Hand an bei der von der kreativen Nanna ersonnenen Hochzeitsdeko.

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Und wir probten in jeder freien Minute: Wunsch des Brautpaares war nämlich ein Beitrag zum Abendprogramm. Zum Glück hatten Astrid und ich unsere Comedy-erfahrene und ideenreiche Freundin Irina von Bentheim an Bord, die uns ein köstliches kleines Theaterstück zum Thema „Warum haben Nanna & Dirk eigentlich geheiratet“ schrieb. Danke nochmal, Irina, für Deine Geduld, vor allem mit mir….und danke Vangelis für die gebratenen Nudeln für Nanna und Dirk am Morgen danach:)

 

Während wir ein letztes Bad im eiskalten, aber herrlichen Meer nahmen und uns aufbretzelten, waren einige treue Seelen immer noch mit den letzten Arbeiten an der Strandkulisse beschäftigt. Der Bürgermeister von Spili sprach nur Griechisch und wollte die Hochzeitsgäste unbedingt mit der auf Kreta obligatorischen Zigarette in der Hand trauen, als die resolute Wedding Plannerin Lena Herrgesell ihm diese rigoros entwendete, Dirk den Übersetzer vom Hof bzw. Strand jagte und zumindest die deutsche Trauung dann letztendlich von der unermüdlichen Lena (nachdem vorher schnell noch vom Griechischen ins Englische und dann ins Deutsche übersetzt wurde) vollzogen wurde. Herrlich war es dort am Strand, und wirklich fast alle hatten sich an Nannas Dresscode „Lang, glamourös, Hollywood“ gehalten – Nanna Kuckuck und viele der weiblichen Gäste selbstredend in Nanna Kuckuck. Als Aperitivista durch und durch freute ich mich natürlich besonders auf den Sektempfang. Nach ausgiebiger Verkostung war die Wahl des Brautpaares auf einen hervorragenden griechischen Schaumwein gefallen – der schafft es definitiv auf unsere Favoritenliste!

 

Nanna & Dirk, ihr habt euch nach 12 Jahren getraut! Danke für diese einmaligen Tage mit wunderbaren Menschen, einer magischen Kulisse und unvergesslichen Erinnerungen – ihr habt die Gratwanderung zwischen Perfektion und Herzlichkeit, zwischen Glamour und Authentizität bravourös gemeistert! Kreta, wir kommen wieder!

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Greifswald im Februar oder Gastfeindschaft auf Vorpommerisch

Greifswald im Februar oder Gastfeindschaft auf Vorpommerisch

Nach Greifswald – einem im Übrigen sehr hübschen Backsteingotik-Städtchen – fährt sicherlich niemand, um kulinarische Höhenflüge oder eine besonders ausgesprägte Service-Mentalität zu erleben. Wir wollten die Stadt als potenziellen Studienort für die Kinder kennenlernen und hätten, wäre es nicht Anfang Februar gewesen, sicherlich eines dieser legendären Fischbrötchen von Fisch13 (die Spezialität des Hauses trägt tatsächlich den Namen „Pflaumenaugust“) auf irgendeiner netten Kaimauer gegessen. Nun war es aber kalt, und die Familie wollte es nett haben. Die Wahl fiel also nach längerer Recherche auf das mit einem Bib Gourmand ausgezeichnete und vielversprechend klingende Restaurant Tischlerei.

Dass es im durchaus reizvollen Yachthafen ausgesprochen schwer zu finden war („Warum sollten wir Schilder aufstellen? Uns gibt es seit sieben Jahren, andere Gäste finden uns auch“) und keine Parkplätze vorhanden waren, fand ich nicht sooo schlimm (der Vater meiner Töchter umsomehr), die frostige Begrüßung auf die Frage nach dem reservierten Tisch mit „Suchen Sie sich einen aus“ und „die Speisekarte hängt da hinten“ wäre ohne den Kontext Familienausflug allein schon Grund genug gewesen, gleich wieder zu gehen. Zur Auswahl standen drei Vorspeisen und vier Hauptgerichte (eines war bereits durchgestrichen) und ein Tagesgericht. Wir wählten zweimal die Rote Beete-Suppe (durchaus gut, aber nur notdürftig aufgewärmt serviert), ein Tages-Chili-con-Carne und zweimal den Skrei, zu dem uns die Kellerin nach 10 Minuten mitteilte „Für den Skrei gibt es Flussbarsch“. Also nicht: tut uns leid, der Skrei ist aus oder so ähnlich, deshalb haben wir jetzt frischen Flussbarsch, den unser Küchenchef so und so zubereitet. Abgesehen davon ist es in einem fast leeren Lokal und angesichts einer derart überschaubaren Karte sicherlich kein Luxus, wenn der Service vor der Bestellung über das aktuelle Angebot informiert, statt auf eine nicht aktuelle Schiefertafel zu verweisen.

Wie auch immer, wir hatten keine Lust auf Flussbarsch, auch nicht auf das Hirschgulasch und die beiden anderen deftigen Fleischgerichte, also nahmen wir den als Vorspeise gedachten kalten weißen Thunfisch mit Algensalat, der ok war, den eine gute Sushi-Bar aber genauso gut hinkriegt hätte. Das Tagesgericht war laut Aussage meiner Tochter lecker – ich stehe allerdings nicht so auf Chili con carne. Auch die mehr als überschaubare Weinkarte ohne erkennbares Konzept hatte das Niveau asiatischer Imbisse. Positiv fiel auf, dass direkt eine Karaffe mit Wasser auf den Tisch gestellt wurde – den Krug knallte die Kellnerin genauso lautstark auf den Tisch wie alles andere.

Dass es sich bei dieser Demonstration von Gastfeindschaft nicht um einen Ausreißer der Kellnerin handelte, wurde im anschließenden (zufälligen) Gespräch mit der Chefin deutlich: kaum Reue, und kein ernsthafter Versuch, uns zu einem erneuten Besuch zu motivieren – dafür, dass wir empfangen wurden wie die ungeliebte Schwiegermutter, bei Minusgraden mehr oder weniger kalte Vorspeisen gegessen haben und das (auch für Berliner Verhältnisse) alles andere als günstig, wäre zumindest ein Getränk oder Dessert aufs Haus drin gewesen. Die Michelin-Tester scheinen in einem anderen Restaurant gewesen zu sein, oder die Tischlerei hatte einen sehr schlechten Tag – schade eigentlich.