Volker Schlöndorff ließ sich entschuldigen, dafür kam die noch betagtere Sandra Milo, einst neben Marcello Mastroianni in Fellinis 8 1/2 Wochen zu sehen. Die italienische Filmdiva war eine der vier PreisträgerInnen des „Premio Bacco 2019“, der zur 27. Notte delle Stelle in Berlin im Berliner Maritim Hotel verliehen wurde. Er hat sich zu einem wichtigen „Nebenpreis“ der Berlinale entwickelt. Wie der Name vermuten lässt, ist die Idee im legendären Restaurant „Bacco“ von Notte delle Stelle-Gastgeber und Promi-Gastronom Massimo Mannozzi entstanden, der sich 1993 hier mit Filmkritikern und Journalisten zusammenfand.  Seit Ende der 60er-Jahre verwöhnte er die Berliner Promi-Szene als einer der Ersten mit authentischer italienischer Küche. Als er seinem Restaurant in der Marburger Straße 2016 nach 49 Jahren Spitzenküche für immer „Ciao“ sagte, weinte die halbe (Westberliner) Stadt. Nun hält allein Sohn Alessandro die Familienfahne mit dem Edelitalienier „Bocca di Bacco“ hoch. Dennoch lässt Mannozzi senior es sich bis heute nicht nehmen, Ehrenvorsitzender und Sponsor des Preises zu bleiben.

Die PreisträgerInnen des Premio Bacco

Unter den PreisträgerInnen der letzten Jahre finden sich illustre Namen wie Henry Hübchen, Wim Wenders, Armin Müller-Stahl, Gabriele Salvatores, Francesca Neri, Moritz Bleibtreu, Bruno Ganz, Mario Monicelli, Claudia Cardinale, Franka Potente, Christian De Sica, Riccardo Scamarcio, Isabetta Ragonese, Lino Banfi, Til Schweiger, Catarina Murino, Martina Gedeck, Ornella Muti, Pierfrancesco Favino und  Mario Adorf. Die diesjährigen Trophäen der „Nacht der Sterne“ gingen neben Sandra Milo an die Schauspieler Sonja Gerhardt, Tobias Oertel und Raoul Bova. Die 85-jährige italienische Filmdiva strahlte nur so vor italienischer Grandezza und liebenswürdiger Herzlichkeit. Obwohl in Deutschland nicht halb so prominent wie in Italien, ließ sie sich genüsslich feiern und trat deutlich zugewandter auf als die seltsam verspannt wirkende TV-Aufsteigerin Sonja Gerhardt. Sie kam mit streng nach hinten gegelten Haaren zur Notte delle Stelle in Berlin. Ähnlich streng servierte sie auch Fans und Fotografen ab. So hatte selbst TV-Moderationsprofi Harald Pignatelli (als Halbitaliener ein langjähriger und versiert zweisprachiger Begleiter der Veranstaltung) sichtlich Mühe, ihr auf der Bühne ein paar freundliche Worte zu entlocken. Wie schade –  war sie als Rock’n Roll-Rebellin Monika in der Erfolgsserie Ku’damm 56 doch eine echte Sympathieträgerin gewesen.

Aperitivo Rosato und italienisches Dinner

350 Gäste (darunter der italienische Botschafter und Schirmherr der Veranstaltung, Luigi Mattiolo und Franco Moretti, Direktor des Puccini-Festivals „Torre del Lago) waren der Einladung von Cavaliere Massimo Mannozzi und Veranstalter Michael Wolf gefolgt, um die italienischen Momente der Berlinale zu erleben. Zum Aperitif erwies sich der auf der Tischkarte als „Prosecco“ deklarierte Schaumwein „LOVE“ zwar als Spumante, ließ sich mit einem Schuß Aperitivo Rosato von Ramazotti (unsere aktuelle Lieblings-Alternative zu Aperol) aber gut trinken. Am Tisch wurden italienische Klassiker wie Carpaccio di Manzo, Casarecce pugliesi und Involtini vom Kalb serviert – nichts Besonderes, im Rahmen der Möglichkeiten eines solchen Abends aber auch kein Ärgernis.

Italienische Spezialitäten auf der Piazza Italiana

Interessanter präsentierte sich das gastronomische Angebot auf der Empore, dort servierte etwa der Lieblingsitaliener des Berliner Westends, das Piccolo Mondo, Spaghetti aus der Parmesanform mit frischgehobeltem Trüffel, Umberto Gallo Zugaro von der Europäischen Sommelier Schule stellte Weine aus China vor und mit Nonnino war eine der berühmtesten italienischen Grappa-Brennereien zu Gast. Auf der „Piazza Italiana“ fanden sich die Beauty Lounge mit Coiffeur Jens Link und Massimo Manozzis Neffen Marco, der seinen Top-Visagisten André Beck mitgebracht hatte, um die blassen Winterwangen zu rougieren und erste Spuren der Nacht zu beseitigen.

Puccini-Arien und Bella Italia

Keine italienische Nacht ohne italienische Musik: die Arien der Sopranistin Sara Cappellini Maggiore (Puccini-Ensemble) und die italienische Band „Orchestra Luciano Nelli“verzauberten das Publikum genauso wie die italienischen Ohrwürmer von Pino Colucci alias Adriano Celentano. Auf der Bühne traten Tänzerinnen in Glitzerkostümen auf, die direkt dem Samstagabend-Programm von Rai 1 entstiegen zu sein schienen. Eine Truppe Cheerleaderinnen und tief dekollierte Damen setzten einen Kontrapunkt zur cool-eleganten Berlinale – bei diesem Ball schien alles ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein: Es hätte nicht viel zur 60er-Jahre-Romantik samt Capri-Fischer gefehlt, so virtuos und gänzlich ironiefrei war das Bild der Deutschen von Bella Italia (und vielleicht auch der Italiener selbst) aus der Kostümkiste gezaubert worden.

Das muss nicht schlecht sein: Wir sind alles andere als intellektuelle Snobs, Berlin ist an anderen Ecken schließlich hip genug. Wir trällerten jedenfalls begeistert zu „Azzurro“ mit, tanzten wild und hatten einen großartigen Abend mit ausgesprochen netten Gästen – denn Italien-Fans waren alle hier, entweder qua Geburt oder qua: nennen wir es Herzensentscheidung.

Posted by:gesetta

Aus dem norddeutschen Flachland zog es mich schnell nach Italien und Frankreich, wo ich das mediterrane Lebensgefühl in jede Pore aufgesogen habe. Ich liebe Venedig, Aperol Spritz und gutes Essen. Schon als Kind hasste ich Jugendherbergen, praktische Kleidung und flache Schuhe. Nach unzähligen herrlichen Hotels und einem unprotestantischen Ja zum Glamour kann ich letzteren beiden inzwischen sogar etwas abgewinnen. In 10 Jahren kommt vielleicht die Zeit für Jugendherbergen, weil ich mich jung fühlen möchte. Besser nicht.

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