Paola Marchesi war sichtlich gerührt, als die 80-minütige Hommage an ihren berühmten Vater und die große italienische Küche in der Italienischen Botschaft in Berlin gezeigt wurde. Und sie war nicht die einzige, die während des Films “Gualtiero Marchesi: The Great Italian” Tränen in den Augen hatte. Ein denkwürdiger Moment, dieser Abend des 19. Februar 2019 in Berlin, dem Schauplatz der dritten europäischen Etappe von ingesamt 10 der WORLD TOUR, die dem 3 Sterne-Koch und Großmeister der italienischen Küche Gualtiero Marchesi gewidmet ist.

 

 

Eingeladen hatten die Fondazione gualtieroMarchesi (die Stiftung, die sich dem Erhalt der Gedanken des Maestro widmet), die italienische Zentrale für Tourismus ENIT und als Gastgeber der Botschafter der Italienischen Republik in Deutschland, Luigi Mattiolo. Unterstützt und gefördert wurde das Projekt von einer langen Liste gewichtiger Namen, angefangen vom italienischen Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, Kultur, Agrarpolitik und Tourismus über die Regione Lombarda bis hin zu Ferrari Trento, Ferrarelle und illycaffè, um nur einige zu nennen. Ein groß angelegtes Projekt also, diese Verneigung vor Gualtiero Marchesi, der die italienische Haute Cuisine nachhaltig revolutioniert hat und in diesem Projekt als Flaggschiff für die “Grande Cucina Italiana” als einem der wichtigsten Exportprodukte Italiens fungiert.

“Nennen Sie mir fünf Gründe, warum Sie einen Film über mich drehen sollten?” fragt Maestro Marchesi seinen Regisseur Maurizio Gigola zu Beginn des Films. “Ich nenne einen einzigen, der alle anderen umfasst: Ihre Leidenschaft”. Wenn auch ein wenig konstruiert und mit dem ganzen Pathos der großen Cinecittà-Filme aufgeladen, holt uns dieser Einstieg vor der Kulisse der Piazza del Duomo emotional ab. Und spätestens als die extra von Giovanni Sollima komponierte Musik erklingt und der große alte Mann der italienischen Küche seinen Blick über die Mailänder Navigli schweifen lässt, sind wir mitten in Italien und mitten im kulinarisch-ästhetischen Reich des Maestro.

TrailerDieser erste und einzige Dokumentarfilm, der das Leben und die Philosophie des großen Kochs Gualtiero Marchesi erzählt, ist eine Art biografische Dokumentation, in der vor allem langjährige Weggefährten wie Pinchiorri und Cipriani, berühmte Lehrer wie die Brüder Troisgros oder Alain Ducasse und die “Marchesi Boys” (heute ebenfalls besternte Schüler des Maestro) wie Carlo Cracco, Davide Oldani, Enrico Crippa, Andrea Berton, Daniel Canzian, Paolo Lopriore, Pietro Leemann und Ernst Knam zu Wort kommen und über ihre Erfahrungen mit dem Chef und Menschen Gualtiero Marchesi berichten. Geworden ist daraus eine Geschichte über Leidenschaften (für die Küche, die Kunst, Musik und Philosophie), Erinnerungen und Orte, ein Film über das Leben und die Gefühle des am meisten diskutierten und als Vorreiter der Nouvelle Cuisine Italiana vielleicht interessantesten Mannes der italienischen Küche.

 

Bemerkenswert ist nicht nur, wie Gigola mit großartigen Nahaufnahmen die manchmal mit der Pinzette hergestellten Küchenkunstwerke abfilmt und die ganze handwerkliche Feinarbeit einfängt, die hinter einem Signature Dish wie dem “Open Raviolo” steckt. Tatsächlich hat der Regisseur auch nach dem Wesen von Marchesi und nach seinem Verständnis für die Küche gesucht und es geschafft, mithilfe von Bildern, Musik und vielen einzelnen Begegnungen den Menschen hinter dem großen Koch zu vermitteln. Fast zärtlich filmt Gigola den alten Mann, der mit der ganzen Eleganz eines Mailanders sein Alter trägt und bemerkenswert bescheiden auf sein Lebenswerk  zurückblickt. Tatsächlich wurde hier die letzte Etappe im Leben des Maestro festgehalten, denn veröffentlicht wurde der Dokumentarfilm leider erst einige Monate nach Marchesis Tod, im März 2018.

 

Nach dem Film sprechen Ottavia Ricci von der ENIT und Botschafter Luigi Mattiolo über die touristische Bedeutung der Öno-Gastronomie für Italien, auf der Bühne diskutiert der Generalsekretär der Marchesi-Stiftung, Enrico Dandolo, mit Tochter Paola Marchesi , den für den kulinarischen Teil des Abends Verantwortlichen Chefs Antonio Ghilardo (Marchesi-Mitarbeiter der ersten Stunde und Chef der gesamten WORLD TOUR) und Ernst Knam (bis 1992 Maestro Patissier bei Gualtiero Marchesi und verantwortlich für die Berliner Etappe) sowie mit Karsten Heidsick (Schüler Marchesis und heute Gastronom in Dresden). Wein zum Essen sei dem Maestro nicht so wichtig gewesen, ihn interessierten mehr die Speisen, weiß Dandolo von seinem Schwiegervater zu berichten. Und falls der ältere Herr aus dem Publikum mit der Frage nach Marchesis Verhältnis zu den ausländischen Restaurants in Mailand ein Statement à la “Italienische Küche ist die einzig Wahre” erhofft haben sollte, dürfte ihn die Antwort von Tochter Paola enttäuscht haben: Ihr Vater habe auf alles Neue immer ausgesprochen offen und interessiert reagiert.

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Nicht, dass das jetzt langweilig gewesen wäre – wir wurden bestens unterhalten und sind angemessen beeindruckt. Aber insgeheim wünschten wir uns doch, dass niemand mehr eine Frage stellen würde und wir zum sensorischen Teil des Abends übergehen könnten. Der beginnt mit dem  Klassiker der italienischen Edel-Sektkellerei Ferrari (vertreten durch Camilla Lunelli, die als eine der einflussreichsten Frauen im italienischen Weinbusiness gilt), dem Maximum Brut – als Aperitivista muss ich gestehen, wieder einmal nichts anderes probiert zu haben und den ganzen Abend den köstlichen Ferrari-bollicine treu geblieben zu sein.

 

Was nun folgt, sind unglaubliche 12 Gänge Flying Fingerfood mit den großen Klassikern, oder wie man neudeutsch sagen würde, signature dishes von Il Divino – “Der Göttliche”- wie Gualtiero Marchesi in den italienischen Medien gerne mal genannt wird. Wir haben also das unfassbare Glück, uns in dem pompösen Festsaal der Botschaft inmitten von höchst ästhetischen Food-Projektionen auf eine Tour de Cuisine durch die gerade im Film erlebten Gerichte (und ALLEN dürfte dabei das Wasser im Munde zusammen gelaufen sein), begeben zu dürfen.

 

Besonders im Gaumen-Gedächtnis sind mir die kleinen amuse bouches “Spinatbrötchen und Wolfsbarsch, Senfbohnen”, die extrem geschmacksstarken “Tomaten, Mozzarella und leichtes Pesto” im Cocktailglas und die perfekt gegarten “Shrimp auf Sahne von Gemüsepaprika” geblieben. Das “Dripping of Fish” (Hommage a Jackson Pollock) versprach mehr, als sein etwas zu mayonnaisiger Geschmack zu halten vermochte, und der berühmte kalte Spaghetti-Salat mit Kaviar und Schnittlauch, der einst Kritiker und Publikum auf die Palme und später Gualtieros Ruhm brachte, erschloss sich meinen GesprächspartnerInnen und mir nicht ganz – vielleicht ist es damit so wie etwa mit Duchamps Pissoir, das heute kaum mehr für so viel Aufregung in der Kunstwelt sorgen würde wie vor 100 Jahren in New York.

 

Umso mehr Aufregung verspricht immer noch Gold im Essen, wie der jüngste Shitstorm um Franck Ribérys teures Steak beweist, dafür schmeckte “Reis, Gold und Safran”, ein tadelloses, köstliches Risotto Milanese, bestimmt deutlich besser als die Fleischstücke vom Fussballer-Barbecue. Ein weiterer von der Kunst inspirierter Gang war der perfekt komponierte Teller “Das Rote und das Schwarze” (wiederum eine Hommage an einen von Gualtieros Lieblingskünstlern, Fontana), während aus dem exzellenten Schokoladenfondant mit Orangensauce und kandierten Orangen vor allem die Kunst von Ernst Knam sprach, der die Mailänder Society seit 1992 mit seinem legendären Geschäft in der Via Anfossi 10 glücklich macht.

 

Unter den Gästen waren übrigens Star-Köchin Cornelia Poletto mit ihrem Mann, dem Ex-Bahnchef Rüdiger Grube, Berlins Grandseigneur der italienischen Küche, Cavalliere Massimo Mannozzi, Adlon-Gastgeber Arne Hoppenstedt, Gastro-Kritiker Niko Rechenberg, TV-Moderator Harald Pignatelli und ein paar italienische Pressevertreter – die Gastrokritiker der Berliner Presse standen erstaunlicherweise nicht auf der Gästeliste.

 

An diesem Abend ging ich – und so empfanden es wahrscheinlich viele Gäste – mit dem Gefühl nach Hause, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben. Ein bewegender Film, interessante Gespräche mit Wegbegleitern Marchesis und die Freude darüber, dass das Erbe Marchesis und seines Gedankengutes in seiner Stiftung weitergeführt wird. Danke an alle, die uns an der “Gualtiero Marchesis WORLD TOUR der italienischen Küche” und der Passion des Maestro und seinen “Marchesi Boys” teilhaben lassen!

 

 

 

Posted by:gesetta

Aus dem norddeutschen Flachland zog es mich schnell nach Italien und Frankreich, wo ich das mediterrane Lebensgefühl in jede Pore aufgesogen habe. Ich liebe Venedig, Aperol Spritz und gutes Essen. Schon als Kind hasste ich Jugendherbergen, praktische Kleidung und flache Schuhe. Nach unzähligen herrlichen Hotels und einem unprotestantischen Ja zum Glamour kann ich letzteren beiden inzwischen sogar etwas abgewinnen. In 10 Jahren kommt vielleicht die Zeit für Jugendherbergen, weil ich mich jung fühlen möchte. Besser nicht.

2 replies on “Gualtiero Marchesi: Berlin feiert den Maestro der italienischen Haute Cuisine

  1. Il raffinatissimo maestro Gualtiero Marchesi non poteva che creare altri maestri altrettanto unici, come Ernst Knam che qui a Milano ci lusinga da più di 25 anni con i migliori dolci EVER!

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