Eigentlich mag ich keinen harten Alkohol, und ein ausgewiesener Fan von System-Hotellerie bin ich auch nicht. Aber nichtdestotrotz: die Einladung zur Design- und Gintour klang vielversprechend, neue Hotelbar-Konzepte interessieren uns Aperitivistas immer und wir uns lassen gerne überraschen. Direkt im ersten Motel One am Alexanderplatz fuhren wir nach dem (zum Glück) alkoholfreien Begrüßungscocktail in die One Lounge im vierten Stock, die wie alle deutschen Häuser der Budgethotel-Kette über eine handverlesene und sorgfältig ausgewählte Gin-Karte mit knapp 50 Sorten verfügt. Dazu kommen 10 Berliner Destillate, darunter die Gins von Mampe Spirituosen, BLN Gin (vorgestellt von Petr und Philip) und UrbanGin (mit Destillateurin Anna Stippl vor Ort).

 

 

Die Bar des 2017 eröffneten Hotels hat einen Superblick, leuchtet schick und die Barkeeper wissen, wovon sie reden. Wir erfahren, dass ein guter Gin nicht nach Alkohol riecht, sondern nach den weiteren Zutaten, den sogenannten „Botanicals“. Bisher dachte ich, eine gute Nase zu haben (und die an der Bar ausgestellten Kräuter würde ich tatsächlich blind am Geruch erkennen), beim Gin versagt sie aber kläglich. Ich rieche: Alkohol, vielleicht etwas Minze beim „Kreuzberg“ von Mampe, ein wenig Ingwer beim „Ginger“ und diffuse, dezente Noten beim „Berlin Urban Gin“. Deshalb beschließe ich, sicheres Terrain zu betreten und wage, nach Gin als Aperitif zu fragen. Yvonne, Barchefin am Alexanderplatz, lässt mich zum Glück nicht auflaufen und versichert mir, dass Gin sich hervorragend als Start in den Abend eigne. Ich möchte gerne etwas mit den Orangenblüten von BLN GIN probieren. Dazu gibt sie einige wenige Dashes Celery und Orange Bitters ins Glas, eine Gurkenzeste und eine Limettenscheibe dazu und mixt das Ganze mit Gin und Tonic von Feaver Tree. Bitter, speziell und … köstlich, finde ich.

 

 

Das Motel One am Spittelmarkt erreichen wir zu Fuss und trödeln offenbar zu sehr – deshalb ist der Waldmeister-Eiswürfel in unserem Cocktail bereits geschmolzen und es ensteht eine Art flüssige, alkoholisierte Götterspeise. Dekoraktiv, klebrig und so lecker wie  der Wackelpudding in der 70ern. Die Rezeption verschwindet bewusst hinter der allgegenwärtigen Bar, und das Motel One-Türkis in den Uniformen der Mitarbeiter setzt allenfalls noch Akzente in einem urbanen, künstlerisch aufgepimpten Hoteldesign, das von aufwändig inszenierter Glaskunst über stilvolle Designer-Sofagruppen bis hin zu Arbeiten lokaler KünstlerInnen reicht – in diesem Haus sind das moderne Gemälde von Berliner Persönlichkeiten wie Hildegard Knef oder Marlene Dietrich.

 

 

Anna Stippl stellt uns ihren Berlin Urban Gin vor, der im geschmacksgeschulten Familienunternehmen aus selbst gesammelten Botanicals und deren Destillaten hergestellt wird. Es handelt sich dabei offenbar um einen „Mädchen-Gin“, denn wir Frauen sind geschlossen begeistert (auch vom Design der Flasche), unsere Gin-geübten männlichen Kollegen vom VT-Verlag bevorzugen hingegen eher die kräftig-waldigen Gin-Varianten. Auf dem Tisch stehen hübsche Dosen mit Nüssen, Tüten mit Edel-Chips knistern und wir werden – wie beim köstlichen Fingerfood am Alex – angehalten zuzugreifen – schließlich brauchen wir ja eine Grundlage, denn die nächste Gin-Etappe im ebenfalls redesignten Motel One Mitte in der Prinzenstraße steht noch aus.

 

 

Barkeeper ist Christos, der in seiner griechischen Heimat einen fruchtigen Mule aus Caramelsirup, Limette, Tonic und Orangenzeste zaubert – für mich das leckerste Getränk des Abends. Hinter uns hängt das Herzstück der Lounge, eine eindrucksvolle Arbeit der deutsch-amerikanischen Künstlerin Freddy Reitz, die in Form einer farbstarken Urban Art-Collage  die vielen historischen und touristischen Meilensteine Berlins aufgreift, vom KadeWe über den Mauerfall bis zur Fashion Week. Kunst ist hier wie in den anderen Motel Ones glaubwürdig in das Design-Konzept eingebunden, genauso authentisch hip wie die Hotelmanager, die von Optik und Habitus her einem typischen Berliner Start-up entsprungen zu sein scheinen. Nachdem die One Lounge am Zoo bereits zu einer meiner Lieblingsbars geworden ist, gebe ich meinen Widerstand gegen die einst uniform gestalteten Motel Ones auf: die immer noch von der Inhaberfamilie Müller geführte Edel-Budget-Kette hat heute Abend auf ganzer Linie überzeugt: Wir hatten einen wirklich tollen Abend. Danke auch an Roaya und Nathalie von BISS PR, ebenfalls tolle Gastgeber. See you soon for a drink!

 

 

 

Posted by:gesetta

Aus dem norddeutschen Flachland zog es mich schnell nach Italien und Frankreich, wo ich das mediterrane Lebensgefühl in jede Pore aufgesogen habe. Ich liebe Venedig, Aperol Spritz und gutes Essen. Schon als Kind hasste ich Jugendherbergen, praktische Kleidung und flache Schuhe. Nach unzähligen herrlichen Hotels und einem unprotestantischen Ja zum Glamour kann ich letzteren beiden inzwischen sogar etwas abgewinnen. In 10 Jahren kommt vielleicht die Zeit für Jugendherbergen, weil ich mich jung fühlen möchte. Besser nicht.

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