Als ich das letzte Mal auf der Rückseite des Adlons zu Gast war, hieß das Restaurant noch „Le Petit Felix“, das wiederum das „Gabriele“ abgelöst hatte. Leicht hatte es diese zugige Ecke im Niemandsland zwischen Botschaften, Brandenburger Tor und Potsdamer Platz nie, und nun ist mit dem India Club ein Restaurant eingezogen, dass in Berlin Maßstäbe setzen und mit „nordindischer Küche, wie Sie sie nur aus London oder Indien selbst kennen“ überzeugen will. Die Kritiken zur Eröffnung vor zwei Jahren habe ich bewusst erst nach dem Essen gelesen, und das war auch gut so – so wußte ich nichts von den allzu hohen Erwartungen, die Anno August Jagdfeld (der India Club wird von seiner China Club Verwaltungs-GmbH gemanagt) seinerzeit bei den Gourmets geweckt und zwangsläufig enttäuscht hatte.

 

Herzlich empfangen wurden wir mit Ruinart-Champagner und Mango-Lassi – kein schlechter Einstieg also, um das von Anne Marie Jagdfeld in Zusammenarbeit mit dem Londoner Innenarchitekten Richard Blight gestaltete Restaurant in Ruhe auf uns wirken zu lassen. Das dunkle Holz bildet einen schönen, kolonial anmutenden Kontrapunkt zu den indisch farbenfrohen Uniformen des ausgesprochen zugewandten und erklärungsfreudigen Servicepersonals, den bunten Lüstern und den extra angefertigten bunten Porzellantellern.

 


Als Küchenchef für die „Authentic North Indian Cuisine“ heuerte Jagdfeld seinerzeit Manish Bahukhandi an. Er wirkte bereits in renommierten indischen Restaurants als Sous-Chef und steht für die indische „rustic cuisine“, dem asiatischen Pendant zur vielerorts in Deutschlands anspruchsvollen Restaurants praktizierten produktorientierten Regionalküche. Dazu passen auch die in Deutschland eher selten anzutreffenden Tandoori-Öfen aus Lehm, in denen Brot, Fleisch wie das berühmte Tandoori-Chicken und Gemüse vitaminschonend, geschmackssteigernd und gesund gegart werden. Und natürlich, dass das Fleisch vom „Gut Vorder Bollhagen“ kommt – einigen wahrscheinlich bekannt aus Heiligendamm, denn auch die dortigen Restaurants werden mit dem Biofleisch des Gutes der Familie Jagdfeld versorgt.

 

Zum Einstieg werden drei verschiedene Chutneys (Mango, Tamarinde und grüne Kräuter) mit zu Tütchen gerollten Papadams serviert, die sehr köstlich sind und perfekt als Aperitif zum Champagner passen. Als Vorspeise gibt es „Kohlrabi Apple Salad“ mit saurer Mango, Minze und Ingwer, hübsch angerichtet – frisch, aber ein bisschen blass und eher progressiv norddeutsch als indisch anmutend. Das Chicken Cafreal im Anschluss kommt sehr schön würzig mit Koriander, Mohnsamen, Nelke, Ingwer und Knoblauch daher, abgerundet mit einer süßsauren Note aus Kokosnussessig. Wer bis jetzt geglaubt hat, die Nordinder würden nicht scharf essen (oder eher, dass uns Deutschen wurde die Schärfe einfach nicht zugemutet werden wollte), wurde von der Meerbrasse „Sea Bram Pollichatu“ eines Besseren belehrt: In der als Beilage servierten Kümmelkartoffel sorgte eine ordentliche Dosis von grünem Chili für reichlich nervöse Hustenanfälle am Tisch. Die reizende Kellnerin (übrigens aus Thailand) brachte „zum Ablöschen“ umgehend ein paar Schälchen köstliches Raitu, einer Art Tsatsiki mit süßer Unternote. Bei beiden Gerichten folgten wir dem Rat, die Chutneys auch hier für zusätzliche Aromen einzusetzen, so dass wir wie auf der Homepage angepriesen tatsächlich in die ganze Welt der indischen Gewürze eintauchen konnten. Das Safran-Eis schmeckte nicht ganz so intensiv gewürzig wie erwartet, dafür überzeugte die indische Mango mit einer Aromafülle, die man bei den hiesigen Supermarktfrüchten höchstens erahnen kann (und weshalb ich für Desserts meist zur pürierten indischen Mango vom Asialaden greife).

 

Wir haben den India Club beseelt und mit einem Tütchen Chutneys für zu Hause verlassen: Toller Service, eine sehr balancierte, aromenreiche Küche und ein Interieur, das Spaß macht. Im Gegensatz zu früheren Rezensenten wurde uns nicht eines der besten indischen Restaurants Europas angekündigt – eher, dass der India Club es sich zum Ziel gesetzt hat, eine authentische, nordindische Küche auf hohem Niveau anzubieten und Gourmets davon zu überzeugen, dass sie in Berlin jetzt auch eine überzeugende Alternative zu den weder optisch noch geschmacklich einladenden Billig-Indern finden. Fairerweise muss man sagen, dass die Preise mit knapp 30 Euro pro Hauptgericht (inkl. der extra zu bestellenden Beilagen) auch sehr viel höher liegen, aber das ist bei ähnlichen Restaurants in Paris oder London nicht anders. Wir wünschen dem India Club jedenfalls viel Erfolg, mehr Bestand als seinen Vorgängern und vor allem hoffen wir für den sympathischen, ambitionierten Küchenchef Manish Bahukhandi, dass seine Familie endlich nach Berlin nachreisen darf.

INDIA CLUB RESTAURANT
Behrenstraße 72 | Adlon Palais
10117 Berlin (Mitte)

www.india-club-berlin.com

Fotos: India Club, Michele Ormas, Gesa Noormann

Posted by:gesetta

Aus dem norddeutschen Flachland zog es mich schnell nach Italien und Frankreich, wo ich das mediterrane Lebensgefühl in jede Pore aufgesogen habe. Ich liebe Venedig, Aperol Spritz und gutes Essen. Schon als Kind hasste ich Jugendherbergen, praktische Kleidung und flache Schuhe. Nach unzähligen herrlichen Hotels und einem unprotestantischen Ja zum Glamour kann ich letzteren beiden inzwischen sogar etwas abgewinnen. In 10 Jahren kommt vielleicht die Zeit für Jugendherbergen, weil ich mich jung fühlen möchte. Besser nicht.

One thought on “Indische Küche mit Anspruch: Der India Club im Hotel Adlon

Kommentar verfassen