Mit dem Birds Nest hat im Nikolaiviertel eines der spannendsten neuen Barkonzepte Berlins eröffnet. In dem bisher nicht gerade für hippe Gastronomie bekannten Viertel nahe des Alexanderplatzes hat sich Bar-Legende Arnd Henning Heißen den Traum vom eigenen Lokal erfüllt. Anknüpfend an die Idee der Bar Fragrances, die er einst für das Ritz Carlton konzipiert hat, erweckt er nun im Birds Nest sein auf Düften basierendes Drink-Konzept zu neuem Leben. Ergänzt wird die Cocktailerfahrung durch ein von der vietnamesischen Küche inspiriertes Food-Pairing, die Düfte und Aromen der Drinks aufgreifen und die Bar-Erfahrung auf die nächste Ebene heben. Wir haben uns von Arnd Heißen und seinem Team in die Welt der Aromen und Düfte entführen lassen – und waren begeistert.

Vogelnest am Alex

Wer vom Alex auf die Fassade an der Rathausstraße blickt und an einem quietschbunten Laden für organisierte Mädelsabende vorbeiläuft, fragt sich zwangsläufig, wo sich hier eine angesagte Bar verstecken könnte. Der Widerspruch löst sich auf, als wir nach ein paar Stufen im mit bunten Lampions dekorierten Treppenhaus ein Stück Vietnam betreten. Im Birds Nest angekommen, vorbei an einem Regal mit großen Gläsern, gefüllt mit Kräutern und Gewürzen, weißem Salbei, Weihrauch, Guajakholz, getrockneten Orangenschalen oder getrockneten Shiitake, findet der Gast sich inmitten der „Hall of Fame“ wieder. Zwölf ausgewählte Nischen-Parfüms auf Stelen inspirieren dazu, sich vom eigenen Duftgeschmack leiten zu lassen und danach die Auswahl der Drinks zu treffen. 

Am Anfang war der Duft

Arnd Heißens Begeisterung für Düfte ist ansteckend: Er lässt uns an den herrlichen Tees der Pariser Manufaktur Mariage Frères riechen, erklärt, welche Hölzer und Kräuter er zu welcher Jahreszeit verbrennt, um die Luft angenehm zu aromatisieren. Vieles davon hat er auf Reisen durch Asien kennengelernt, um den Gast nun seinerseits mit auf eine olfaktorische Reise zu nehmen. Wer sich ganz darauf einlässt, kann fast auf die Karte verzichten. Am besten gibt man sich ganz entspannt den Emotionen hin, die die Düfte bei einem selbst evozieren. Tatsächlich ist das neugestaltete Birds Nest in warmen Farben, mit edlen Hölzern und gemütlichen Sitzmöglichkeiten ein idealer Ort dafür. Der Gastraum mit den verglasten Erkern – den namensgebenden Schwalbennestern – hingegen erinnert angesichts seiner Größe an Asia-Restaurants am Stadtrand von Berlin. Im Sommer sollen die offenen großen Fenster Terrassenfeeling vermitteln – je nach Winkel mit Blick auf das Rote Rathaus, den Alex oder die legendäre Mutter Hoppe.

Vietnamesische Fusionküche

Entwickelt hat Heißen die Kombi aus Bar und Restaurant („Birds Nest – Ngon“) mit seinem vietnamesischen Geschäftspartner Duy Nguyen, Inhaber des OJIGI in Mannheim und seinem Freund Steve Karlsch, einem langjährigen Weggefährten von Tim Raue. „Der Duft ist der Schlüssel zu den Drinks und Speisen. Bevor sie die Bar betreten, wählen die Gäste Düfte aus. Diese dienen dann als Auswahlkriterium für die dazu passenden Speisen“ erklärt Arnd Henning Heißen. Es geht aber auch ohne olfaktorischen Einstieg: Die sich herrlich lesende Karte offenbart auch sprachlich die Leidenschaft für das Spirituelle und Märchenhafte. Die Cocktails entführen in Aromenwelten zwischen Orient, Südostasien und dem Mittelmeer, die Speisen vor allem nach Vietnam. Tatsächlich gibt es neben kreativer Fusionküche nämlich auch eine Original Rinder-Pho. Wir lernen, dass sie sich leicht nasal „Föh“ ausspricht und nach vietnamesischem Geheimrezept 18 Stunden vor sich hinköchelt, bevor sie in perfekter Aromatik beim Gast landet. 

Vom Duft zum Drink zum Dish

Das Herzstück der Bird’s Nest-Philosophie bildet das Fragrance-Menü mit Speisen, die namensgleich exakt zu den Drinks komponiert sind. Immer sind sie auch in einer alkoholfreien Variante erhältlich. Zu Arnd Heißens Lieblingsduft und Signature Cocktail, dem Porträt of a Lady vom Frederic Malle, gibt es Austern, die mit Rose und roter Johannisbeere die Aromatik des Drinks aufnehmen. Besonders gut gelingt das Pairing bei der farblich und geschmacklich sensationellen Roten Beete mit Spinat und Vetiver, kreiiert zur ebenfalls tief roten Love declaration mit Gin, Himbeere und Vanille kreiert. Herausragend auch der Adlerfisch mit Mandarine, Petersilienwurzel und Pomelo. Dazu hat Bartenderin Veronica den meisterhaft komponierten Cocktail Kasbah geschaffen. Auf der Basis von Klebreisschnaps und Luneoir Tequila mit Zitrusaromen von Mandarine, Kaffirlimettengeist und Verjus tanzt er mit der Süße von weißer Schokolade, Orange und Honig geradezu auf der Zunge. 

Inspirierende Barerfahrung – auch ganz ohne Alkohol

Dazwischen serviert Arnd Heißen mal Weihrauchtee zum Neutralisieren, mal einen Milky Oolong, der jedes Sugar Craving kalorienfrei vom Tisch fegen würde. Wir spüren die wunderbare Atmosphäre in einem multinationalem Team, das von der italienischen Bartenderin bis zum vietnamesischen Koch reicht. Familiär fühlt es sich an, die einende Leidenschaft, Gästen außergewöhnliche Erlebnisse schaffen zu wollen, ist spürbar. Jeder der Mitarbeitenden hat sich auf Basis seines Lieblingsparfums einen Gin kreiert und so das Konzept der Bar aktiv umsetzt. Ob die Idee von Arnd Heißen wohl aufgeht, dass die Gäste sich anhand eines Drinks etwa an ihren ersten Kuss erinnern? Inspiriert nach Hause gehen und sich über Themen ausgetauscht haben, an die vor Beginn des Abends noch gar nicht zu denken war? Uns hat die Reise mit Arnd  Heißen als leidenschaftlichem Geschichtenerzähler jedenfalls auf ganzer Ebene abgeholt.

Unser Fazit: Selten haben wir so gute Cocktails getrunken (Tipp: unbedingt mit den alkoholfreien Varianten abwechseln, sie sind absolut auf Augenhöhe) und so gut dabei gegessen. Klar, dass wir wiederkommen. Und am Ende habe ich sogar jede Menge Geheimtipps für meine Vietnam-Reise bekommen und weiß jetzt, wo es die beste Pho in Hanoi gibt. Die Beste in Berlin haben wir ja gerade probiert. 

Bird’s Nest – Ngon, Rathausstraße 23, 10718 Berlin

Dienstag bis Donnerstag und Sonntag 18-24 Uhr | Freitag und Samstag 18-01 Uhr

Birds Nest Bar
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Posted by:gesetta

Schon als Kind hasste ich Jugendherbergen, praktische Kleidung und flache Schuhe. Aus dem norddeutschen Flachland zog es mich schnell nach Italien und Frankreich, wo ich das mediterrane Lebensgefühl mit jeder Pore aufgesogen habe. Ich liebe Venedig, den italienischen Aperitif und gutes Essen. Trotz eines unprotestantischen Jas zu Glamour, High Heels und prickelnder Lebensfreude denke ich plattdeutsch bodenständig und wische mir bei "Hamburg meine Perle" regelmässig ein Tränchen weg.

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