Hyggelig, balinesisch, stylisch

Mit dem „Lulu Guldsmeden Berlin“ wagte sich die von den Architekten Marc und Sandra Weinert gegründete dänische Hotelgruppe, die bereits Häuser in Skandinavien, Frankreich, Island und Bali betreibt, auf den deutschen Markt. Als „Berlins erstes Hygge-Hotel“ wurde es im Frühjahr dem Pubklium vorgestellt – dabei beinhaltet es viel mehr als das sympathische, ur-dänische Konzept der Gemütlichkeit, das inzwischen (leider) so inflationär gebraucht wird, dass der Weg in die Prospekte der Discounter fast schon vorgezeichnet ist. Wir waren jedenfalls sofort schockverliebt in den originellen Stilmix aus balinesischen Lampen und Dekorationsobjekten (ein Familienmitglied betreibt dort eine Designfirma), Jagd-Trophäen, freigelegten Putz im Treppenhaus und die stylisch-gemütlich eingerichteten Zimmer mit vielen schlau ausgedachten Details wie einer frei beweglichen Handtuchleiter. Man merkt die Handschrift von Innenarchitekten, die nicht gleich 80 Kettenmotels in Serie entwerfen, sondern individuelle bauliche Gegebenheiten mit dem Corporate Look and Feel in Einklang bringen.

Gelebte Nachhaltigkeit

Hoteldirektor Marc Lorenz ist nicht nur ein wunderbar kultivierter Gastgeber, der optisch eher an einen Literaturprofessor als einen klassischen GM (falls es den überhaupt gibt) erinnert. Dabei ist er alles andere als ein Quereinsteiger in der Hotellerie und blickt auf eine Karriere bei den Hyatt-Hotels zurück, die ihn in Häuser auf der ganzen Welt geführt hat. Auch dort machte er sich bereits für nachhaltige Konzepte stark, so dass er die überzeugte Bio-Philosophie der Guldsmeden Hotels durchaus authentisch verkörpert. Das Gebäude an der Potsdamer Straße sollte eigentlich sein erstes eigenes Hotel werden, aber die Weinerts waren schneller. Heute ist der gebürtige Stuttgarter froh darüber, denn die Renovierungsarbeiten erwiesen sich als so aufwändig, dass er als frischgebackener Hotelbesitzer daran wahrscheinlich verzweifelt wäre – so hatte er mehr Zeit, sich als F&B-Vollblut um die Auswahl der Produkte und die Ausrichtung der Gastronomie, die in Hotels leider allzu oft nebenbei läuft, zu kümmern.

Nordische Aperitif-Kultur in Berlin

Als Aperitivistas freuen wir uns über jede neue Location, in der wir der Aperitif-Kultur frönen können. Mit seiner zentralen Lage an der wie Phoenix aus der Schmuddel-Asche auferstandenen Potsdamer Straße bietet sich das Lulu Guldsmeden geradezu an, um von hier aus ins Berliner Nachtleben zu starten. Das geht bekanntlich am besten mit einem Apéro mit guten Drinks und leckeren, unkomplizierten Häppchen gereicht werden. Über eine wirkliche Bar verfügt das Hotel nicht, dafür servieren die Barkeeper Jonathan und Alexis die Drinks direkt an die Tische und bequemen Sofas vorm Tresen des Restaurants „Saeson“. Und weil die Gründerfamilie ganz auf Ökologie und Nachhaltigkeit setzt, sind auch die Getränke konsequent ökologischer Herkunft. Mein Favorit unter den Signature-Drinks ist eindeutig der „Nordic Mule“ mit Limette, Ginger Beer und Dill-Aquavit. Das grüne Fischkraut harmoniert prächtig mit dem mir hier zum ersten Mal begegneten Dill-Aquavit und passt perfekt zu den kräftigen „Sardinen in Olivenöl mit geröstetem Brot und Zitronenschale“ – vielleicht ist es auch meiner norddeutschen Herkunft und morgendlichen Abstechern auf den Hamburger Fischmarkt geschuldet, dass mein Herz bei dieser Kombination Purzelbäume schlägt.

Aromen von Enzian, Absinth und Rhabarber: Bio-Spritz aus Venedig

Ebensolche Freude lösen bei mir Reminiszenzen an meine Lieblingsstadt Venedig aus. Daher stammt nämlich der „Aperitivo Naturale Veneziano“, der zusammen mit Württemberger Bio-Rieslingsekt die Grundlage für den Spritz des Hauses bildet. Seine Extrakte aus Absinth, Enzian und Rhabarber lassen ihn zwar ebenso bitter, aber kräutriger als Aperol schmecken und lösen angesichts der mit der konventionellen Variante verbundenen Erwartungshaltung auf der Zunge eine verwirrende Überraschung aus. Unbedingt nachfragen, der Bio-Spritz steht nicht auf der Karte! Der „Saeson Elixier“ aus Riesling, Holunderblüte und Aquavit erschien dagegen zwar erfrischend zitrusbetont, aber fast langweilig. Gut dazu passt die selbstgeröstete Gewürzmischung aus Bio-Nüssen, die Saeson-Chefin Maja Sommer Samuelsen an diesem Abend laut Selbsteinschätzung besonders ausgewogen salzig gelungen war. Der Backensholzer Käse überzeugte ebenso wie die herrlich fein geschnittenen, frittierten Tintenfischringe mit einer Aioli, die so gut schmeckte, dass einem später eventuell irritierte Theaternachbarn gänzlich unwichtig erschienen.

Unkomplizierte Gerichte im Restaurant „Saeson“

Genausogut wie zum vorabendlichen Aperitif passen der Rieslingsekt aus Württemberg und der Crémant d’Alsace (beide selbstverständlich bio) als Auftakt zu einem Essen im Saeson. Als Nachfolgerin von René Beck Hansen bringt Maja eine Küche und eine Philosophie auf den Tisch, die weltweit jeder versteht: frische, unkomplizierte und unkonventionelle Rezepte. Die Zutaten stammen aus biologischem Anbau der Region, jahreszeitlich und kreativ zubereitet. Obwohl sie wie ihr Vorgänger dänischer Herkunft ist, wird jetzt weniger auf nordische als auf internationale Küche gesetzt – wohl auch als Zugeständnis an die Hotelgäste, die sich bekannte Gerichte wünschen, die niemanden überfordern und auch eventuell mitreisenden Kindern schmecken .

Rote Beete-Carpaccio, Grünkohl-Apfel-Salat und bester Rosé

Beim Presselunch fanden wir besonders das Rote Beete-Carpaccio und den eigentlich als Beilage gedachten Grünkohl-Apfel-Salat geschmacklich überzeugend, während der Nachtisch für unseren Geschmack zu sehr nach bereits fertig eingekauften Zutaten schmeckte. Besonders gut mundete unserem Tisch auch der herrliche Rosé vom Bio-Weingut Pflüger, der diesen entspannten Freitags-Lunch wunderbar abrundete.

Sonntagsbrunch und Business-Lunch

Wir wünschen der überaus sympathischen Autodidaktin Maja, dass sie sich weiter entwickeln und entfalten kann, jenseits allzu betriebswirtschaftlicher Zwänge. Und dass sich der stylisch transportierte, aber nicht minder konsequente Bio-Ansatz im Lulu Guldsmeden Berlin auf Dauer durchsetzen kann und von den Gästen honoriert wird. Schon jetzt ist der Sonntagsbrunch (25 Euro pro Person) ein voller Erfolg, und so langsam finden neben den Hotelgästen auch Anwohner und Leute, die in den umliegenden Büros arbeiten, den Weg zum Lunch ins Saeson. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg und freuen uns auf den nächsten Aperitif-Abend!

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Posted by:gesetta

Aus dem norddeutschen Flachland zog es mich schnell nach Italien und Frankreich, wo ich das mediterrane Lebensgefühl in jede Pore aufgesogen habe. Ich liebe Venedig, Aperol Spritz und gutes Essen. Schon als Kind hasste ich Jugendherbergen, praktische Kleidung und flache Schuhe. Nach unzähligen herrlichen Hotels und einem unprotestantischen Ja zum Glamour kann ich letzteren beiden inzwischen sogar etwas abgewinnen. In 10 Jahren kommt vielleicht die Zeit für Jugendherbergen, weil ich mich jung fühlen möchte. Besser nicht.

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