Innovative Küche am Wasser

Kurz vor sechs Uhr reißt der Berliner Himmel auf und taucht die Terrasse des Restaurants Carl & Sophie in leuchtende Abendsonne. Was für ein Glück, erwartetet uns doch heute Abend ein ganz besonderes Dinner. Denn zweifellos ist das Spreerestaurant eine der Top-Locations für Feinschmecker, die in Berlin am Wasser essen möchten. Für uns kommt es sogar noch besser, denn wir werden die innovative Küche von Chefkoch Maico Orso auf der schmucken Motoryacht Aida erleben.

Ein Gläschen Champagner auf der Spreeterrasse

Während wir auf der Spreeterrasse des Carl & Sophie Bollinger Special Cuvée brut aus der Magnumflasche genießen, liegt unter uns die AIDA zu Anker. Ganz wunderbar passen zum feinen Aperitif das Roastbeef black & blue und der roh marinierte Kohlrabi mit Pfifferlingen, der ein gutes Beispiel für die Gemüseküche von Maico Orso ist. Der ist leider krankheitsbedingt verhindert, wird aber durch seinen sympathischen Sous-Chef Martin Höse würdig vertreten. Neugierig gemacht von den ästhetisch wie geschmacklich anregenden Entrées begeben wir uns also beschwingt auf das Schiff.

Kulinarische Überraschungen an Bord der AIDA

Weil es plötzlich so schön warm ist, lassen wir uns geschlossen auf dem Open-Air-Teil der Aida nieder. Als erstes wird „Makrele Hausfrauen Art“ serviert, einem mit feiner Ironie gewählten Titel, der eher nach den in Sahnesoße schwimmenden Apfel- und Fischstücken meiner norddeutschen Großmutter klingt. Hier hingegen handelt es sich eher um eine Dekonstruktion des eben genannten Rezeptes, dessen traditionelle Zutaten Apfel, Zwiebel und Sauerrahm einzeln angerichtet auf dem Teller landen. Auf diese Weise machen sie als geschmacklicher Kontrapunkt zur strengen Makrele auch optisch eine äußerst elegante Figur. Ein echter Knaller ist unser erster Hauptgang „Melone medium rare“, ein unter kräftiger Barbecue-Salsa verstecktes Stück gegrillte Wassermelone. Geschmackvoll begleitet wird sie von fruchtigem Maisstampf, sahnigem Kartoffelpüree und eingelegten Jalapenos. Während Melone vom Rost gern mal eine schleimige Konsistenz annimmt, stimmen Frische und Knackigkeit hier. Darüberhinaus verbinden sich die süß-fruchtigen Aromen hervorragend mit den salzigen Rauchnoten der Sauce.

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Überzeugende Weinbegleitung

Nach einem schlanken Weissburgunder Kalkfels 2018 vom Weingut Janson Bernard aus der Pfalz steigert sich die Aromafülle im Glas beträchtlich. Im Anschluss bekommen wir nämlich einen phänomenalen 2014 Niersteiner Pettenthal Riesling GG vom Weingut Louis Guntrum aus Rheinhessen. Dieses große Gewächs vom berühmten Roten Hang überzeugt durch eine konzentrierte Frucht und einen langen, mineralischen Abgang. Wow, was für ein Riesling! Zum zweiten Hauptgang, einer geschmorten Lammschulter ohne jegliche unschöne „Hammel“-Note, schenkt uns ABION-Geschäftsführer Gunnar Gust einen 2004 Aalto PS Ribera DEL Duero aus der Magnumflasche ein. Dieser im Handel fast überall ausverkaufte Top-Wein der Bodegas Aalto aus 100% Tempranillo begeistert mit Eleganz, Power und einer ausgewogenen Frucht-Säure-Balance. In ihrer Qualität stehen beide stellvertretend für die über 120 Positionen umfassende und äußerst fair kalkulierte Weinkarte des Carl & Sophie.

Das süße Finale: Ein grünes Gemüsedessert

Als wir vor ein paar Wochen das Dessert „Grün, Grün, Grün“-Dessert im besternten Restaurant Golvet (vgl. dazu unsere Restaurantkritik vom Golvet) probierten, waren wir begeistert von dieser Neuinterpretation des süßen Abschlusses: Weg von der Frucht, hin zum Salat. Dementsprechend nicht mehr ganz so überraschend, aber nicht minder beeindruckend entpuppt sich die Gemüsedessert-Variante von Maico Orso, „Kopfsalat, Passionsfrucht, weiße Schokolade“. Herrlich zergehen die gar nicht so widersprüchlichen Aromen am Gaumen. Dieser kämpft eher mit den Bitternoten der leuchtend grünen Komposition aus der Haussekt-Cuvée, Passionsfruchtessig und Kopfsalatsaft. Beide zusammen genossen erweisen sich nach ein paar Bissen und Schlucken dann allerdings doch als Erfolg auf ganzer Linie.

Was für eine schöne Stadt: Berlin aus Wasserperspektive

Unglaublich, was Martin Höseso alles aus der Kombüse zaubert und wieviele Flaschen aus den Tiefen des Schiffsbauches auftauchen. Während wir uns dionysischen und kulinarischen Freuden hingeben, gleitet unsere Aida über das Wasser: Wir passieren das Kanzleramt. das Pergamonmuseum und die East Side Gallery, bevor wir unter der Oberbaumbrücke hindurchfahren und die Molecule Men zum Anfassen nah zu passieren. Es wird Nacht, wir sind selig ob dieser herrlichen Wasserperspektive und plötzlich versöhnt mit unserer lauten, schmutzigen, wunderschönen Stadt. Schöner kann man in Berlin am Wasser kaum essen. Danke dem Team von Carl & Sofie für diesen unvergesslichen Abend! Ach ja: Gibt es diese unwiderstehlich buttrig-süßen, in braunes Packpapier gewickelten Karamel-Bonbons auch in der Familienpackung?

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P.S. Unser Event-Tipp für alle, die Lust auf mehr bekommen haben und Maico Orsos Küche nicht nur am, sondern auch auf dem Wasser genießen möchten:

Cheese on the Water: Maico Orso und Fritz Blomeyer

An drei Freitagen gibt es in diesem Jahr die Gelegenheit, einen besonderen Käseabend mit Maico Orso und Fritz Blomeyer zu erleben: am 23. August, am 13. und 20. September – jeweils von 18:00 bis 22:00 Uhr. Inklusive Weinen, Wasser, acht verschiedenen Käsesorten und einem Vier-Gang-Menü kostet die kulinarische Spreefahrt Preis: 129 Euro pro Person. Mehr Infos: Cheese on the Water

Posted by:gesetta

Aus dem norddeutschen Flachland zog es mich schnell nach Italien und Frankreich, wo ich das mediterrane Lebensgefühl in jede Pore aufgesogen habe. Ich liebe Venedig, Aperol Spritz und gutes Essen. Schon als Kind hasste ich Jugendherbergen, praktische Kleidung und flache Schuhe. Nach unzähligen herrlichen Hotels und einem unprotestantischen Ja zum Glamour kann ich letzteren beiden inzwischen sogar etwas abgewinnen. In 10 Jahren kommt vielleicht die Zeit für Jugendherbergen, weil ich mich jung fühlen möchte. Besser nicht.

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