Restaurant Irma La Douce: Sinnliche französische Küche

Restaurant Irma La Douce: Sinnliche französische Küche

Fine Dining Hotspot an der Potsdamer Straße

Wer Billy Wilders Klassiker kennt, denkt unwillkürlich an verruchtes Pariser Nachtleben und eine unwiderstehliche Lebedame mit Hang zu exzentrischen Schlafmasken. So erinnern im neuen Restaurant Irma La Douce in der Potsdamer Straße denn auch ein Foto von Shirley Maclaine und eine Uhr an den legendären Film. Genau wie das Golvet, das gerade zum Aufsteigerrestaurant der Berliner Meisterköche 2019 gekürte Panama und die Victoria Bar hat es sich in der einst schmuddeligen Nachbarschaft der Potse angesiedelt. Als „Restaurant mit einem französischen Gedanken” will sich der neue Fine-Dining-Hotspot verstanden wissen. Versprochen wird eine „leichte, frische und experimentierfreudige Neuinterpretation“ der klassisch französischen Küche, begleitet von Champagner und einer vorwiegend französischen Weinauswahl.

Eingespieltes Team aus Gastro-Profis

Ins Team des Restaurants Irma La Douce hat sich Eins44-Betreiber Jonathan Kartenberg zwei Profis mit einschlägiger Gastro-Vergangenheit ins Boot geholt: Küchenchef Michael Schultz hat zuletzt die Küche im Golvet geleitet und davor im Rutz Restaurant und im Vau gekocht. Sommelier Sascha Hammer war ebenfalls im Vau und lange das Wein-Gesicht von Matthias Gleiß‘ Volt. Das Interieur im Stil einer Pariser Brasserie ist weitgehend vom Vorgänger Brasserie Lumières erhalten geblieben. Hinzu kamen unter anderem ein amtlicher Weinkühlschrank und individuell dimmbare Tischlämpchen, damit jeder Gast sich seine eigene Lichtstimmung zaubern kann. „In unserem neuen Restaurant möchten wir die moderne französische Genusswelt feiern“, erklärt Kartenberg. „Genau wie Irma aus dem gleichnamigen Film leben wir einen ganz eigenen Stil, der nichts ausschließt.“

Französisch mit Twist: Die Vorspeisen

Beim Aperitif setzt das Restaurant Irma la Douce ganz auf Champagner. Faire 10 Euro kostet das Glas Deutz, weitere 50 Sorten Champagner und 300 Weine stehen zur Auswahl. Passend zum Schampus werden typisch französische Vorspeisen gereicht, immer mit experimentellem Twist: Die Felsenaustern kommen mit Melonenschinken, geräucherter Crème fraîche und Ossietra-Kaviar, der auf einem Stück Landbrot servierte Tartar mit eingelegter Tomate. Die Entenleberterrine wird statt mit klassischer Brioche mit Mutzen serviert, aufregend ergänzt durch eine süßsaure asiatische Note aus Shiso und Pflaumenwein. Mit Früchteteearomen spielt die zusammen mit Sellerie und roter Beete angerichtete Makrele so gekonnt, dass aus dem rustikalen Fisch eine elegante, geschmacksexplosive Vorspeise wird. Nicht zu vergessen das Sauerteigbrot mit Frankfurter-Soße-Butter – einer großartig aromatischen Kräutermischung, die in Berlin viel zu selten auf den Tisch kommt.

Klassisches Handwerk, top Produkte

Das Reh mit Kürbis, Churros und Ras el Hanout ist untadelig gegart und schmeckt dank der orientalischen Gewürzmischung herrlich weihnachtlich. Ein solides Gericht, das nicht ganz so zu begeistern weiß wie die als Zwischengericht deklarierte vegetarische Geschmacksexplosion mit Schwarzwurzel. Garniert mit einer hefigen Hollandaise, Pinienkernen, Birnenessig und einer ordentlichen Portion Trüffeln begeistert sie auf ganzer Linie. Toll auch die Weinauswahl von Sascha Hammer, der an diesem Abend immer gleich zwei Weingläser zur Auswahl einschenkt. Zu unserem Glück mag er uns als dezidierter Liebhaber deutscher Weine den Riesling “Marienburg Fahrlay” Großes Gewächs von Clemens Busch nicht vorenthalten. Ansonsten dominieren hervorragende französische Positionen auf der umfangreichen Weinkarte des Irma La Douce. Die Palette reicht vom Pouilly Fumé, Domaine de Fontenille an der Loire (54 Euro) über den Silice Blanc – Saint Joseph von der Domaine Coursodon an der Rhône bis zum Spitzen-Bordeaux Chateau Cheval Blanc /Saint-Émilion Grand Cru Classé A für 571 Euro.

Süßer Abschluss und Fazit

Nicht, dass wir noch Platz für ein Dessert gehabt hätten. Aber das geht ja bekanntlich immer, und es lohnte sich für den Savarin mit Mango und einer delikaten Kamille-Honignote. Sascha Hammers Weinpairing passt auch hier perfekt: Der1995 Riesling „Thörnischer Ritsch“ Auslese Weingut Ludes von der Mosel rundet das Dessert mit gut ausbalancierter Süße wunderbar ab. Ebenfalls lecker die Käseauswahl vom Wilmersdorfer Maître Philippe beziehungsweise seinen Töchtern – besser können französische Käse in Berlin kaum sein. Ob wir das Restaurant Irma La Douce empfehlen können? Unbedingt für alle, die französisches Fine Dining in einer gepflegten Fin-de-Siècle-Atmosphäre mögen und Spaß an ungewöhnlichen Aromen und Kombinationen haben. Wein- und ChampagnerliebhaberInnen werden das Irma La Douce mit Sicherheit lieben. Zudem eignet es sich für den Pré-Theâtre-Apéritif genauso wie für ein ausgedehntes Abendessen mit Freunden. Von uns ein klares Bravó – wir wünschen dem megasympathischen Gastgeber-Trio viel Erfolg!

Irma La Douce, Potsdamer Straße 102, 10785 Berlin, irmaladouce.de

Restaurant Cantina in der Bar Tausend: Aromaküche im Hinterzimmer

Restaurant Cantina in der Bar Tausend: Aromaküche im Hinterzimmer

Der bekannteste Geheimtipp der Stadt

Was sich hinter der unauffälligen Eisentür am Schiffbauerdamm verbirgt, wissen nur Insider: Das Restaurant Cantina in der Bar Tausend gehört seit 12 Jahren zu den legendärsten Locations der Stadt. Dank der schwer zu findenden Lage ist sie von Touristen und Hipstern dennoch nie überschwemmt worden. Man traut sich kaum zu klingeln… dann aber eröffnet sich ein dunkler Ort, der dank seines unverwechselbaren Looks mit Spiegeln und beeindruckenden Lichtinstallationen bereits als Kulisse für die Kult-FernsehSerie Babylon diente. Dieses Ambiente lassen wir bei einem vorzüglichen „Berlin Mitte“-Cocktail am langen, dunklen Tresen auf uns wirken.

Octavio Osés Bravo: Kreativer und weltoffener Küchenchef

Neugierig bewegen wir uns schließlich in das nur von wenigen Spots erhellte Hinterzimmer: das Restaurant Cantina in der Bar Tausend. Unter dem Licht-Zellen-Zyklus „Flying Cells“ nehmen wir mit Blick auf die offene Küche Platz. Mit seiner Culture-Clash-Küche im Restaurant Mani hatte der Argentinier Octavio Osés Bravo Gäste und Restaurantkritiker gleichermaßen begeistert. Seit Mai geht er als Küchenchef im CANTINA kulinarisch in eine neue Richtung. Während er seiner Weltküche mit Einflüssen aus dem levantinischen, arabischen und mediterranen Raum treu bleibt, fließen in der Cantina in der Bar Tausend nun auch asiatische Einflüsse mit ein.

Atemberaubend aromareiche Vorspeisen

Wer wie ich eine Schwäche für Brot hat, sei vor dem köstlich duftenden und schmeckenden Brot mit Fenchelsamen gewarnt. Serviert mit gesalzener Butter und frischem Fenchel, hat es geradezu Suchtcharakter. Perfekt dazu passt der Blumenkohl mit fermentierter Zitrone, Mandeln, Knoblauch und Beurre blanc. Dieses oft durch Unscheinbarkeit glänzende Gemüse verwandelt sich unter Ocativio Osés Bravos Zauberhänden in eine bemerkenswert aromatische Vorspeise. Großartig auch die Rote Beete, die mit federleichtem Feta-Schnee, karamellisierter Walnuss, Chicorée und Granatapfel ein herrliches Spiel aus fruchtiger Süße und Bitterkeit offenbart. Spätestens nach den Karotten mit Minze und den ekstatischen Wohlfühllauten meines Nachbarn weiß ich, dass Fleischfreaks in der Cantina ganz mühelos zu Vegetariern mutieren.

Mediterran, asiatisch oder orientalisch

Street Food-Anspielungen gehören inzwischen zum guten Ton in der innovativen Gourmetszene. Deshalb werden die Grünen Garnelen auch direkt aus der Take-away-Schachtel verzehrt – nur dass sie statt 7 Euro im Asia-Imbiss stolze 19 Euro kosten. Dafür sind sie perfekt pikant gewürzt und bekommen durch Wirsing- und Radieschen einen besonderen Twist. Optisch und geschmacklich bemerkenswert ist auch der Pulpo mit schwarzer Kartoffel-Espuma und Paprikaöl. Der mit einer göttlichen Vinaigrette angemachte Blattsalat schließt mühelos an die Aromafülle der Vorspeisen an, so dass ich Lamm und Entrecôte getrost meinen (männlichen) Kollegen überlasse.

Metropolen-Cocktails zu Live-Musik

Nach einem aufregend exotischen Semolina-Kuchen mit Olivenöl-Eis und Sumac-Baiser gebietet der Ort einen Abstecher an die Bar. Die Drinks tragen Namen von Trendbezirken internationaler Metropolen – uns gefällt besonders die frische Kreation „Berlin-Mitte“ des Barchefs Karim Fadl. Bei großartiger Livemusik von “The Mighty Mocambos” sind wir fast versucht, mitten in der Woche einmal so richtig spät nach Hause zukommen. Schließlich wirkt das Publikum nicht so jung, dass man sich fehl am Platze fühlt und trotzdem attraktiv genug, dass das Gucken Spaß macht. Insgesamt ist die Cantina in der Bar Tausend ähnlich wie das Layla genau der richtige Ort, um hippe Freunde mit kosmopolitischen Ansprüchen in Berlin auszuführen. Die Preise dürften New Yorker oder Pariser Besucher nicht schocken, und lohnen tut sich der Besuch allemal.

Bilder: Mehr Infos: tausendbar.com

Restaurant ELLA im Steigenberger Hotel am Kanzleramt

Restaurant ELLA im Steigenberger Hotel am Kanzleramt

Neuer Gastro-Stern am Hauptbahnhof

So außergewöhnlich die Architektur des Berliner Hauptbahnhofs ist, so sehr beschränkt sich das kulinarische Angebot auf die übliche Systemgastronomie. Nichts für Feinschmecker und schon gar nicht für Gastrokritiker. Die zeigten sich umso begeisterter, als Direktorin Gabriele Maessen Anfang Oktober zur Eröffnung des Restaurant ELLA im Steigenberger Hotel am Kanzleramt in Berlin lud: Endlich ein Restaurant, das mit elegantem Ambiente und ambitionierter Küche nicht nur das Viertel um den Hauptbahnhof, sondern die gastronomische Szene der Hauptstadt insgesamt bereichert. „In keiner anderen deutschen Stadt hat sich die Gastronomie-Szene so rasant und positiv entwickelt wie hier in Berlin. Mit ELLA zwischen Kanzleramt und Hauptbahnhof möchten wir einen Ort schaffen, an dem Berliner und Touristen gleichermaßen das kulinarische Berlin in seiner Vielfalt und von seiner besten Seite erleben,“ erklärt Maessen. Dementsprechend gespannt sind wir auf das neue Restaurant mit dem Slogan „Local/Fresh/Modern“, für dessen Namen übrigens die Hausadresse Ella-Trebe-Straße Pate stand.

Das kulinarische Berlin von seiner besten Seite

Hotelrestaurants haben mitunter einen schweren Stand, sollen sie doch internationalen Hotelgästen genauso gerecht werden wie ortsansässigen Gourmets. So musste Gabriele Maessen erstmal kämpfen für ihr Restaurant, das bisher ein eher vernachlässigtes Dasein in den Räumen der Bar fristete. Die Argumente der Hotelmanagerin waren offenbar gut, denn die Steigenberger Gruppe hat ordentlich investiert in die bisher ungenutzten 200 Quadratmeter des ELLA: Große, raumgreifende Spiegel, eine rohe Betonwand, edle Polsterbänke, Gold- und Schwarz-Töne und schlichte Eleganz evozieren sowohl die Moderne als auch den Saloncharakter der 20er-Jahre. So schafft das Interior Design von Architekt Tassilo Bost den Spagat, cool genug für Berlin und ausreichend gediegen für das Publikum eines Steigenberger Hotels zu sein.

Moderne Interpretationen aus Berlin und Brandenburg

Dass die Berliner und Brandenburger Küche nicht eben zu den raffiniertesten gehören, weiß jeder, der sich schon einmal in die Mark oder in eine der legendären Berliner Eckkneipen aufgemacht hat. Spätestens seit Matthias Gleiß im Volt mit Rixdorfer Blutwurst -Ravioli Furore gemacht hat, wissen wir, dass es auch anders geht. Manuel Eich, Küchenchef im Restaurant ELLA im Steigenberger Hotel Am Kanzleramt, frischt die traditionsreiche Küche mit kreativen Ideen auf. Er bringt vor allem moderne Interpretationen regionaler Klassiker auf den Tisch. Sein gebackenes Landei mit Radieschen, Sellerie und Saiblingskaviar steht für diesen Ansatz genauso wie die Bulette auf warmem Kartoffelsalat oder das Kartoffelsüppchen mit Merguez.

Ein klares Bekenntnis zu Nachhaltigkeit

Sauber gekocht und mit genau der richtigen Mischung aus bodenständiger Produktorientiertheit und subtiler Raffinesse. Damit wird die badische Erbtante garantiert genauso glücklich wie der Neffe, der gerade mit einem Berliner Start-up reüssiert. Warum? Weil leckeres Essen keine ideologischen Grenzen kennt und saisonale Produkte von lokalen Lieferanten schlichtweg besser schmecken. Denn Manuel Eichs klares Bekenntnis zu Nachhaltigkeit wäre nur halb so überzeugend, wenn er kein großartiger Koch wäre. Und seine Stellvertreterin keine so kreative Patissière. Jessica Rumpfs Zwetschgen-Cheesecake mit geflämmter Meringue schmeckt in seiner Einfachheit so köstlich, dass wir unisono ins Schwärmen geraten. Als bekennender Dessert-Junkie prophezeihe ich ihr eine große Zukunft: von ihr werden wir sicher noch hören.

Berliner Spritz an der Bar N°5

Dort, wo das Hotelrestaurant früher war, kann sich die Bar unter dem Namen Bar N°5 jetzt ganz auf Drinks konzentrieren. Als Aperitivista fällt die Entscheidung schnell und eindeutig für die Aperitif-Empfehlung „Berlin Spritz“ aus Belazar Rosé, Elderflower Tonic, Prosecco und Orangenzeste. Eine optimale Wahl, denn das Kreuzberger Aperol-Pendant bleibt – obwohl unsagbar köstlich – eine Rarität in der Berliner Gastronomie. Als Restaurant früher ein wenig dunkel, passt das Ambiente perfekt zum Barbetrieb. Franziska Giffey wurde übrigens auch gesehen – das Regierungsviertel liegt schließlich um die Ecke. Alles rund, alles richtig gemacht im Steigenberger Hotel am Kanzleramt. Wir kommen wieder!

Das Restaurant ELLA ist von Mo. – Fr. von 12.00 bis 14.00 Uhr sowie Di. – Sa. von 18.00 bis 23.00 Uhr geöffnet, Sonntags geschlossen und verfügt über 60 Plätze. www.steigenberger.com

Ana Roš in der Hiša Franko: Die slowenische Weltköchin

Ana Roš in der Hiša Franko: Die slowenische Weltköchin

Von Venedig nach Kobarid

Gut zwei Stunden dauert es mit dem Auto von Venedig nach Kobarid. Nach den sanften Ebenen des Veneto, an Sile und Lagune entlang, verändert sich die Landschaft spätestens ab Cividale del Friuli. Es wird bergig, einsam, ein paar Regenwolken ziehen auf. So unmerklich, wie die Temperaturen auf unter 20 Grad fallen, geht Italien in Slowenien über. Hier, 10 Kilometer hinter der Grenze, liegt in einem idyllischen Tal die sagenumwobene Hiša Franko. In diesem traditionellen, rosa gestrichenen Haus verbirgt sich also das Restaurant, das kürzlich den 37. Platz auf der Liste der besten Küchen der Welt belegte. Dementsprechend sind wir mehr als gespannt auf Ana Roš in der Hiša Franko, auf eine Köchin, die 2017 die Riege der weltbesten Köchinnen anführte. Nur Sterne hat das Restaurant noch nicht – aus dem einfachen Grund, dass der Michelin Slovenien (noch) ignoriert.

Die Hiša/Casa Franko

„As I often like saying, Hiša Franko does not want to be a classical hotel or restaurant. Hiša Franko is a countryside place, relaxed and peaceful“ betont Ana Roš in ihren Grußworten zum Abendmenü. In der Tat ist es ihr, ihrer Familie und ihrem Team gelungen, einen Ort großer Schönheit zu schaffen. Jedes Detail scheint wohlüberlegt, es überwiegen Naturmaterialien und individuell für das Haus designte Objekte. Ein gewisses Kokettieren mit ländlicher Einfachheit bestimmt den Geist dieses vom Streben nach Perfektion geprägten Hauses. Außerdem fallen die Freundlichkeit des Empfangs und eine familiäre Herzlichkeit des Teams auf, ohne die Formalität und Steifheit klassischer Sternerestaurants

Höchste Konzentration

Ana Roš kocht in der Hiša Franko ein einziges 15-Gänge-Abendmenü. Vegane oder vegetarische Varianten gibt es nicht, und es wird auf maximal eine Unverträglichkeit Rücksicht genommen. Das liegt daran, dass hier allein die maximale Geschmacksexplosion eines streng regionalen und saisonalen Menüs im Vordergrund steht. Diese Radikalität kann sich Ana Ros dank ihrer Prominenz leisten. Schließlich kann sich glücklich schätzen, wer überhaupt einen Tisch ergattert. Diese sind puristisch gedeckt und entbehren jeglicher Luxusgastronomie-Accessoires. Weder die legere Atmosphäre noch das junge Team sollten jedoch darüber hinwegtäuschen, dass Ana Roš volle Konzentration auf das Essen verlangt. „This is not a ruleless restaurant“ heißt, keine Unterbrechungen zu provozieren, etwa durch das Posten von Selfies oder Stories. Im Mittelpunkt stehen allein das Essen und gute Gespräche am Tisch. Deshalb beschränkt sich das Servicepersonal auch auf die Erklärung der optimalen Ess-Reihenfolge zwecks maximaler Geschmacksentfaltung.

Das Late Summer Menu: Start mit den Finger Bites

Nach einem hervorragenden roten slovenischen Sekt aus 85% Refosco und 15% Merlot starten wir mit den Fingerbites, fünf an der Zahl. Gleich zu Anfang entfaltet sich in dem Kefir mit Forellenkaviar, grüner Mandel, grünen Bohnen und Birnenkugeln ein Feuerwerk aus Konsistenzen und Aromen, aus Süße und Säure. Herrlich frisch und ein fulminanter Einstieg, der Lust auf mehr macht. Eine weitere Offenbarung ist das Taco mit Wildpflanzen, Holunderblüten und Haselnuss-Miso. Als es zum Kalbshirn im Cranberry-Bignè kommt, muss unser römischer Kellner Stefano mir erstmal Mut machen: Es sei eines seiner Lieblingsgerichte in diesem Menü. Wie versprochen, zergeht das zarte Fleisch mit den leicht weihnachtlich gewürzten Cranberries nach einem beherzten Biss in das perfekt knusprige Beignet ganz wunderbar auf der Zunge. Ein Hoch auf Verwendung des ganzen Tieres!

Die Table Bites: Kunstwerke am Gaumen

Die Table Bites offenbaren uns weitere Geschmacksexplosionen aus der Küche von Maestra Ana Roš und dem Team der Hiša Franko. Allem voran das köstliche Brot nach Geheimrezept von Bäckerin Nataša Đurić, das mit Melasse aromatisiert und dessen Kruste genau knusprig ist wie der Teig fluffig. Dazu gibt es schaumige Butter mit Honigpollen, zu der ich ein wenig beschämt (weil von der Maestra nicht vorgesehen) Salz ordere. Es folgen Blüten- und Aromenmeere, die „Flavoures of Istrian Summer“ mit Wassermelone und Pesto, ein Traum aus Feigen, Kaffee, Joghurt und Gänseleber, Erdnuss-Auberginen-Schokoladen-Emulsion und Forelle mit Wildblumen. Die ganze Natur Istriens landet auf den wunderschönen Keramik-Tellern, so dass das Essen wie ein Spaziergang durch die Wälder und Wiesen Kobarids anmutet. Mit Salz und Pfeffer geht Ana Ros in der Hiša Franko übrigens eher sparsam um – wahrscheinlich um die Produkte eher durch ungewöhnliche Konsistenzen und Kombinationen denn durch Gewürze in den Vordergrund treten zu lassen.

Hauptgang oder Desssert?

Auf die klassische Unterscheidung zwischen Vor-, Haupt- und Nachspeise verzichtet Ana Roš in der Hiša Franko ganz. Unmerklich verschwimmen die Übergänge zu süßeren Gerichten, allen voran das „Masterpiece“, ein Croissant aus Apfel, Gans und Dulce de leche gefüllt mit Aprikoseneis auf Bienenwachs-Dip. Der Name übertreibt keineswegs, denn das hier ist ein Meisterwerk nicht nur in der Herstellung (ein besonderes Kompliment an Ana Ros‘ Patissière), sondern auch im Geschmack. Ebenfalls zwischen süß und salzig angesiedelt ist die „(R)evolution of Kabariski Strukelij“. Diese Kreation aus Äpfeln, Walnüssen und Schweineschmalz sowie einer Crème brulée aus geräuchertem Schwein, Trockenpflaumen und Meerettich, haut uns geradezu um. Solches sind Gerichte, die sich für Jahre in die Geschmacksnerven eingravieren. Das einzige als „Sweet Bite“ bezeichnete Dessert ist mit gerösteten Erdnüssen kurioserweise das salzigste Gericht auf der ganzen Karte (und nicht das stärkste).

Valters Käse

Die Hiša Franko ist nicht nur für Ana Roš, sondern auch für die Käse und Weine ihres Mannes Valter berühmt. Die Tolmin-Käseauswahl ist nicht Teil des Menüs und wir sind bereits mehr als satt, aber wir sind einfach zu neugierig. Eine gute Wahl, denn zusammen mit Zwiebelchutney, Dulce de Leche und Akazienhonig stellen die verschiedenen lange gereiften und von Valter liebevoll gepflegten Ziegenkäse eine würzige Ergänzung des Menüs dar. Sehr köstlich!

Slovenische Naturweine

Wie immer wählen wir die Weingegleitung, umso mehr, weil Valters Keller sich durch außergewöhnliche slowenische Naturweine auszeichnet. Angesichts einer sportlichen Menüfolge und eines fast militärisch durchgetakteten Services finden sich auf unserem Tisch bald mehrere halbvolle Weingläser – wir kommen einfach nicht hinterher. Während wir unsere beiden Apertif-Weine noch genießen konnten, gehen die bemerkenswerten Tropfen (zwei Weißweine, drei Rotweine) leider fast unter. Entweder mangelt es unserem Sommelier (der gleichzeitig Restaurantleiter ist) an Zeit, oder er verzichtet bewusst auf Erläuterungen zu den Weinen bzw. warum er diese ausgewählt hat (wie etwa bei Fritz Blomeyers Käse und René Arnolds Wein).

Fazit: Viel Hype, viel Ehr

Ansgesichts des Hypes um Ana Roš waren unsere Erwartungen denkbar hoch. Dennoch sind sie nicht enttäuscht worden, im Gegenteil. Anas slovenische Gourmetküche auf Weltniveau spricht mit jeder Faser von der Liebe zu den Produkten zu ihrer Heimat. Die Kombination aus Bodenständigkeit, Kreativität und Perfektion lässt es fast unvorstellbar erscheinen, dass der Autodidaktion eigentlich eine Karriere als Profisportlerin und Diplomatin vorgezeichnet war. Das junge internationale Team, der unverkennbare Stil, der sich im wunderbaren Keramik-Geschirr, der Tischwäsche und den Lampen niederschlägt, unterstreicht Anas ganz persönlichen Kochstil. Streng ist sie, gradlinig, und vor allem verzichtet sie komplett darauf, sich den kulinarischen Trends der Großstädter anzubiedern. Dazu gehören Mut und harte Arbeit: Umso besser, wenn diese mit Weltruhm belohnt werden. Für uns gehört das Late Summer-Menu in der Hiša Franko zum Besten, war wir je gegessen haben. Und angesichts des hohen Aufwands des 40-köpfigen Teams ist der Preis mehr als angemessen. Mille grazie Ana Roš & Team!

P.S. Übernachten in der Hisa Franko

Wie wahrscheinlich die meisten Gäste der Hiša Franko haben auch wir im Hotel übernachtet. Mit viel Liebe und warmen Farben gestaltet, strahlt dieser Ort Harmonie und Ruhe aus. Das „Simple Breakfast“ besteht aus dem legendären Krustenbrot von Nataša, slovenischen Milchprodukten wie Kefir und fermentierten Milch, Obst aus dem Garten und Trockenfrüchten. Ein Gedicht, und der perfekte Abschluss dieser kulinarischen Ausnahmeerfahrung.

Hiša Franko, Staro selo 15222 Kobarid, Slowenien

Menü: 150 Euro, Weinbegleitung 75 Euro, Zimmer ab 120 Euro

Fotos: Aperitivista, Susan Gabrijan, Benjamin Schmuck, Robert Ribic

Carl und Sophie: Feine Küche an der Spree

Carl und Sophie: Feine Küche an der Spree

Innovative Küche am Wasser

Kurz vor sechs Uhr reißt der Berliner Himmel auf und taucht die Terrasse des Restaurants Carl & Sophie in leuchtende Abendsonne. Was für ein Glück, erwartetet uns doch heute Abend ein ganz besonderes Dinner. Denn zweifellos ist das Spreerestaurant eine der Top-Locations für Feinschmecker, die in Berlin am Wasser essen möchten. Für uns kommt es sogar noch besser, denn wir werden die innovative Küche von Chefkoch Maico Orso auf der schmucken Motoryacht Aida erleben.

Ein Gläschen Champagner auf der Spreeterrasse

Während wir auf der Spreeterrasse des Carl & Sophie Bollinger Special Cuvée brut aus der Magnumflasche genießen, liegt unter uns die AIDA zu Anker. Ganz wunderbar passen zum feinen Aperitif das Roastbeef black & blue und der roh marinierte Kohlrabi mit Pfifferlingen, der ein gutes Beispiel für die Gemüseküche von Maico Orso ist. Der ist leider krankheitsbedingt verhindert, wird aber durch seinen sympathischen Sous-Chef Martin Höse würdig vertreten. Neugierig gemacht von den ästhetisch wie geschmacklich anregenden Entrées begeben wir uns also beschwingt auf das Schiff.

Kulinarische Überraschungen an Bord der AIDA

Weil es plötzlich so schön warm ist, lassen wir uns geschlossen auf dem Open-Air-Teil der Aida nieder. Als erstes wird „Makrele Hausfrauen Art“ serviert, einem mit feiner Ironie gewählten Titel, der eher nach den in Sahnesoße schwimmenden Apfel- und Fischstücken meiner norddeutschen Großmutter klingt. Hier hingegen handelt es sich eher um eine Dekonstruktion des eben genannten Rezeptes, dessen traditionelle Zutaten Apfel, Zwiebel und Sauerrahm einzeln angerichtet auf dem Teller landen. Auf diese Weise machen sie als geschmacklicher Kontrapunkt zur strengen Makrele auch optisch eine äußerst elegante Figur. Ein echter Knaller ist unser erster Hauptgang „Melone medium rare“, ein unter kräftiger Barbecue-Salsa verstecktes Stück gegrillte Wassermelone. Geschmackvoll begleitet wird sie von fruchtigem Maisstampf, sahnigem Kartoffelpüree und eingelegten Jalapenos. Während Melone vom Rost gern mal eine schleimige Konsistenz annimmt, stimmen Frische und Knackigkeit hier. Darüberhinaus verbinden sich die süß-fruchtigen Aromen hervorragend mit den salzigen Rauchnoten der Sauce.

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Überzeugende Weinbegleitung

Nach einem schlanken Weissburgunder Kalkfels 2018 vom Weingut Janson Bernard aus der Pfalz steigert sich die Aromafülle im Glas beträchtlich. Im Anschluss bekommen wir nämlich einen phänomenalen 2014 Niersteiner Pettenthal Riesling GG vom Weingut Louis Guntrum aus Rheinhessen. Dieses große Gewächs vom berühmten Roten Hang überzeugt durch eine konzentrierte Frucht und einen langen, mineralischen Abgang. Wow, was für ein Riesling! Zum zweiten Hauptgang, einer geschmorten Lammschulter ohne jegliche unschöne „Hammel“-Note, schenkt uns ABION-Geschäftsführer Gunnar Gust einen 2004 Aalto PS Ribera DEL Duero aus der Magnumflasche ein. Dieser im Handel fast überall ausverkaufte Top-Wein der Bodegas Aalto aus 100% Tempranillo begeistert mit Eleganz, Power und einer ausgewogenen Frucht-Säure-Balance. In ihrer Qualität stehen beide stellvertretend für die über 120 Positionen umfassende und äußerst fair kalkulierte Weinkarte des Carl & Sophie.

Das süße Finale: Ein grünes Gemüsedessert

Als wir vor ein paar Wochen das Dessert „Grün, Grün, Grün“-Dessert im besternten Restaurant Golvet (vgl. dazu unsere Restaurantkritik vom Golvet) probierten, waren wir begeistert von dieser Neuinterpretation des süßen Abschlusses: Weg von der Frucht, hin zum Salat. Dementsprechend nicht mehr ganz so überraschend, aber nicht minder beeindruckend entpuppt sich die Gemüsedessert-Variante von Maico Orso, „Kopfsalat, Passionsfrucht, weiße Schokolade“. Herrlich zergehen die gar nicht so widersprüchlichen Aromen am Gaumen. Dieser kämpft eher mit den Bitternoten der leuchtend grünen Komposition aus der Haussekt-Cuvée, Passionsfruchtessig und Kopfsalatsaft. Beide zusammen genossen erweisen sich nach ein paar Bissen und Schlucken dann allerdings doch als Erfolg auf ganzer Linie.

Was für eine schöne Stadt: Berlin aus Wasserperspektive

Unglaublich, was Martin Höseso alles aus der Kombüse zaubert und wieviele Flaschen aus den Tiefen des Schiffsbauches auftauchen. Während wir uns dionysischen und kulinarischen Freuden hingeben, gleitet unsere Aida über das Wasser: Wir passieren das Kanzleramt. das Pergamonmuseum und die East Side Gallery, bevor wir unter der Oberbaumbrücke hindurchfahren und die Molecule Men zum Anfassen nah zu passieren. Es wird Nacht, wir sind selig ob dieser herrlichen Wasserperspektive und plötzlich versöhnt mit unserer lauten, schmutzigen, wunderschönen Stadt. Schöner kann man in Berlin am Wasser kaum essen. Danke dem Team von Carl & Sofie für diesen unvergesslichen Abend! Ach ja: Gibt es diese unwiderstehlich buttrig-süßen, in braunes Packpapier gewickelten Karamel-Bonbons auch in der Familienpackung?

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P.S. Unser Event-Tipp für alle, die Lust auf mehr bekommen haben und Maico Orsos Küche nicht nur am, sondern auch auf dem Wasser genießen möchten:

Cheese on the Water: Maico Orso und Fritz Blomeyer

An drei Freitagen gibt es in diesem Jahr die Gelegenheit, einen besonderen Käseabend mit Maico Orso und Fritz Blomeyer zu erleben: am 23. August, am 13. und 20. September – jeweils von 18:00 bis 22:00 Uhr. Inklusive Weinen, Wasser, acht verschiedenen Käsesorten und einem Vier-Gang-Menü kostet die kulinarische Spreefahrt Preis: 129 Euro pro Person. Mehr Infos: Cheese on the Water

Ganz weit oben: Das Golvet über den Dächern Berlins

Ganz weit oben: Das Golvet über den Dächern Berlins

Das „Golvet“ am Potsdamer Platz punket gleich mit einem Doppelpass: Gäste können sich hier auf nichts Geringeres als eine der spektakulärsten Aussichten der Stadt und die Sterneküche eines jungen, talentierten Küchenchefs freuen. Björn Swanson ist kein unbeschriebenes Blatt in der Fine Dining-Szene, hatte er doch nach einem vielversprechenden Anfang im leider glücklosen Parc Fermé bereits im Gutshaus Stolpe einen Stern gehalten und diesen 2018 auch gleich für das Golvet geholt. Nun wurde er für den Berliner Meisterkoch 2019 nominiert – wir sind also gespannt.

Bevor wir uns in die heiligen Hallen des lichtdurchfluteten Restaurants begeben, bleiben wir am 13 Meter langen Tresen hängen, dem Reich von Barchef Andreas Andricopoulos. Hinter ihm steht eine beeindruckende Vielzahl von Flaschen, deren Namen auf neue Wege jenseits von Mainstream-Etiketten schließen lassen. Ein Negroni-Fass, in dem die Golvet-Mischung des Cocktails angesetzt und um eine feine Holznote ergänzt wird, sticht ins Auge, und Gläser mit hübsch anzusehenden getrockneten Fruchtscheiben. Die Hoffnung, dass sie in einem unserer Drinks landen würden, erfüllt sich: Andreas serviert uns den gerade frisch für den Sommer kreierten Aperitif „Alto Spritz“ mit Grapefruitsoda, Tonka-Bohne, mit Zitronengras infusionierten Erdbeeren und Schaumwein (in unserem Fall ist das der sehr feine Silanus Rosé von Burkhart) – zusammen ergibt das eine frische Mischung mit leichter Bitternote, die in ihrem leuchtendem Orangerot das Zeug zum Sommerdrink 2019 hat. Martina bevorzugt ihren „Björn’s Berry“, den Andreas für Björn Swanson („der mag am liebsten Drinks, die auch Mädchen mögen“) kreiert hat. Dazu werden Lillet Rosé, drei Teeinfusionen aus Darjeeling, Assam und Earl Grey mit Wild Berry und Winzersekt aufgefüllt: zusammen eine sehr trinkige Mischung, mit der man den Rest des Abends gut verbringen könnte. Klar fühlen wir uns als Aperitivistas an der Bar besonders wohl, aber heute sind wir ja zum Essen da – die Fortsetzung aus Andreas‘ Alchimielabor folgt demnächst in unserer Rubrik„Auf ein Glas mit …“.

Wir begeben uns also an den Tisch an der Fensterfront mit Panoramaaussicht über Berlin. Der Blick reicht von Kreuzberg über den Potsdamer Platz bis zum Hauptbahnhof, so dass man gar nicht weiß, ob man mit den Augen beim modernen, stylischen Interieur, der offenen Küche oder den kunstvoll arrangierten Gerichten verharren soll. Dazu kommt ein sich über das ganze Dinner hinziehender Sonnenuntergang, der wechselnd farbige Glanzlichter in den Raum und auf das entzückende Antlitz meines Gegenübers Martina zaubert.

Als geschmackliches Pendant zum überwältigenden Setting des Golvet (was auf Schwedisch übrigens „Boden“ heißt) erreicht uns das erste Amuse bouche, ein hübsch anzusehender Dreiklang aus einer Brioche mit Fake-Lebercrème aus Walnuss und Rote Beete, einem Tacochip mit Mango und einer Makirolle mit gelben und Georgia-Beeten, Pak Choi Kresse, Jalapeno-Senf und grünen Bohnen. Köstlich schmelzen die Aromen am Gaumen, wo sich unterschiedliche Texturen zu einer Vielfalt von sensorischen Eindrücken vereinen. Ein starker Start, ebenso wie die geflämmte Panna Cotta aus Kohlrabi und Curry mit Cashewkernen und das sehr besondere Sorbet aus Römersalat mit Yuzu, dessen Aroma weniger sauer, aber dafür komplexer und intensiver ausfällt als das einer normalen Mittelmeer-Zitrone. Das anschließend servierte Landbrot kommt farblich schön kontrastiert mit Radieschen und einer cremigen Karamelbutter, die leider Suchtcharakter hat und so schmeckt, als ob man sich Sahnebonbons aufs Brot streicht, nur leckerer. Noch nicht einmal bei den Vorspeisen angekommen, sollten wir uns damit tunlichst zurückhalten – vergeblich…

Es geht weiter mit einer Spargelspitze, die unter allerlei bunten Tupfen aus kleinen Cherrytomaten, Basilikumcreme und Basilikumhollandaise ein wenig erdrückt wird. Gerade weil im Golvet schmeckbar hochwertige Produkte eingesetzt werden, wäre gerade beim zarten Spargel weniger mehr gewesen. Gelungen intensiv hingegen der vorher gereichte Gruß von der Bar, ein Shot aus mit Spargel infusioniertem Fino Sherry, Aperol und Ananasaft. Nachdem eine Fast-Food-Interpretation inzwischen auch im Luxussegment quasi zum guten Ton gehört und in Berlin sowieso, serviert Swanson einen hübsch in Alufolie verpackten „Dürum Döner“. Das Minisandwich ist mit (kaum schmeckbarem) Kalbsbries, Harissa und Granatapfelkernen gefüllt, sieht aber letztendlich interessanter aus als es schmeckt.

Dazu schenkt Restaurantleiter und Sommelier Benjamin Becker einen fruchtbetonten 2015 Morillon ‚Ried Kaiseregg‘  vom Weingut Strablegg-Leitner in der Steiermark ein. Dieser verfügt über eine ausgewogene Säure und zeigt neben frischen Nuancen bereits eine gewisse Vielschichtigkeit. Der Wein passt, und auch sonst ist Becker nach Stationen im Reinstoff und im Marthas ein echter Glücksgriff für das Golvet – verkörpert er doch das, was modernen Sterne-Service heute ausmacht: Ein legerer, unaufdringlich persönlicher Stil „Geht es euch gut?“ „Fühlt ihr euch wohl“, der dafür sorgt, dass man sich als Gast unangestrengt willkommen und aufmerksam versorgt fühlt. Man merkt Becker an, dass er seinen Job mit Leidenschaft macht und am richtigen Ort zur richtigen Zeit angekommen ist. Bei dem Tag, an dem eine renommierte deutsche Zeitung im Golvet angeblich katastrophalen Service erlebt hat, muss es sich um eine Ausnahme gehandelt haben – für uns hat das Serviceteam ganz entscheidend zum 360°Grad-Wow-Erlebnis an diesem Abend beigetragen.

Zurück zur Küche: Zum Hauptgang gibt es ein kurz angebratenes Weidelamm aus dem Ruppiner Land, zu dem ein vor Geschmack geradezu explodierender Jus serviert wird: Röstaromen gesellen sich zu Sellerie und Wurzelgemüsen, dazu gibt es Brunnenkresseschaum. Das Ganze ist einen Tick konventioneller als die vorhergehenden Gerichte, und das ist ausdrücklich positiv gemeint: hier offenbart sich, dass Swanson sein Handwerk versteht und schlichtweg richtig gut kochen kann. Der Château Vieux Pourret, ein Grand Cru de Saint Emilion von 2010, behauptet sich neben diesem intensiven Gericht, ohne es zu erschlagen. Erwähnenswert auch, dass Becker einen der seltenen biodynamisch angebauten Bordeaux-Weine gewählt hat, was im aktuell vom Pestizidskandal erschütterten Bordeaux nicht nur eine politische, sondern auch eine weitaus bekömmlichere Entscheidung ist.

Nach dem Pre-Dessert (Holundersorbet mit Hefeweizenschaum) erreicht uns das nächste Highlight des Abends im Golvet, ein so noch nie gekostetes Gemüsedessert mit dem passenden Namen „Grün Grün Grün“ aus mit fluffigem Mascarpone gefüllter kleiner grüner Spitzpaprika, Kopfsalat und Chili. Sensationell erdacht wurde dieses fulminante Finale von Swansons Patissier Holger Hellmuth, und jetzt verstehen wir auch, warum Becker es unbedingt vor dem Käse servieren wollte – nach seiner ebenfalls bemerkenswerten Auswahl von Waldmann und Kober (serviert mit einem köstlichen Chutney, das aus den Rückständen des Spargel-Shots hergestellt wird) hätten wir es nämlich kaum noch geschafft. Vor allem, weil die vier auf der Karte angekündigten sich am Ende zu mindestens acht ausgewachsen haben – das hätte uns trotz überschaubarer Portionen fast überfordert und rechtfertigt den Preis von 90 Euro für unser Menü unbedingt. Danke an das gesamte Team des Golvet für diesen wunderbaren Abend – this was unique!

 

Layla Berlin: Der große Moment israelischer Küche

Layla Berlin: Der große Moment israelischer Küche
Starkoch Meir Adoni steht am Herd des Layla Berlin

In der Küche des vor knapp einem halben Jahr eröffneten Restaurant Layla steht nicht irgendjemand am Herd. Verantwortlich für das Restaurant im Hotel Crowne Plaza zeichnet der israelische Starkoch Meir Adoni. Er hat sich mit seiner nahöstlichen Küche bereits in New York und Tel Aviv einen Namen gemacht. Wir trafen am vergangenen Samstag einen charismatischen, leidenschaftlichen Chef und probierten Gerichte, die in ihrer raffinierten Gewürz- und Aromenvielfalt begeistern und überraschen. Die halbe Stadt spricht vom neuen Layla Berlin, und es ist aktuell die erste Wahl, wenn man zum Beispiel mit anspruchsvollen Londoner Freudinnen hip essen gehen will. „Now it is our time“ sagt Meir und meint, dass nach diversen Gastrotrends wie italienisch, koreanisch und zuletzt peruanisch nun die nahöstliche Küche die Welt erobert. In der Tat sorgen in Berlin bereits Restaurants wie das NENI oder der Frühstückshotspot Benedict für lange Warteschlangen.

Traditionell mittelöstliche Küche

Liest man die Karte des Layla Berlin, klingen die Namen auf den ersten Blick traditionell nahöstlich und verraten nicht nur Meirs Geburtsort Israel, sondern auch seine marokkanischen Wurzeln. Nach typisch askenasischen Gerichten wie Gefilte Fisch wird man hingegen vergeblich suchen, denn Adoni gehört den Mizrachi, den orientalischen Juden, an. Er kocht außerhalb Israels auch nicht koscher, sondern nimmt dies mit seinen „Gefilte Shrimps“, die in New York auf der Karte stehen, auf die Schippe. Ein schönes Beispiel für jene typisch jüdische Selbstironie, wie sie Dany Levy so herrlich in seinem Film „Alles auf Zucker“ zelebriert hat.

Desserts mit Meir Adonis Handschrift

Meir Adonis unverwechselbare Handschrift offenbart sich spätestens, als die Vorspeisen auf dem Tisch stehen. Die geräucherten Forellen Doughnuts (Achtung: essbar sind nur zwei überaus köstliche, süß-sauer-rauchige Pralinen aus Fisch, Medjoul-Datteln, Mandeln und Mandarinenvinaigrette, der Rest sind Dekosteine) und das geräucherte Auberginencarpaccio sind Signature Dishes, die in Berlin ebenso begeistern wie in New York. Das orienteppichartig anmutende, auf einem runden Teller servierte Carpaccio hat ein dezidiertes Raucharoma. Es wird durch Dattelhonig, Rosenblüten und „Fetaschnee“ abgefedert und von crunchigen Pistazien getoppt. Seine Aromenvielfalt (es stecken an die 30 Zutaten darin) begeistert uns ebenso wie die der Doughnuts.

Pancakes crazy interpretiert

Die absolute Krönung sind die in der Zubereitung äußerst aufwändigen und außen schlicht wirkenden libanesischen Pancakes Quatayef mit scharf gewürzter confierter Ente und Chilivinaigrette. Ihre Süße erinnert daran, dass es sich ursprünglich um ein Ramadan-Gericht handelt – to die for! In diesen Startern findet sich die Essenz dessen, was Meir Adoni unter seiner „crazy interpretation“ traditionell israelischer Küche versteht. Er ergänzt klassische Gerichte durch individuell eingesetzte, moderne Elemente wie die Techniken avantgardistischer Küchenstile. Insbesondere bedient er sich der Nordic Cuisine, die er unter anderem im Kopenhagener Noma erlernt hat.

West-östliche Geschmackssynthese

„East meets West, Past meets Future“. Daran denken wir auch bei der Jemenitischen Kubbana Brioche, die in ihrer buttrigen Fluffigkeit genauso gut von Lenôtre (ebenfalls einer der Lehrmeister Adonis) stammen könnte. Die dazu gereichte Paprika Aioli ist für meinen Geschmack einen Tick zu mayonnaisig, während das Doah mit Olivenöl köstlich zum Brot passt. Den japanisch anmutenden Gelbschwanzmakrelen-Tatar Kubania empfinden wir nach den diversen Raucharomen als fast blass. Angesichts des Preises von 27 Euro für ein Gericht in der Größe eines Nigiri schließen wir, dass es sich bei dieser Makrele um einen sehr teuren Fisch handeln muss. Apropos Preise: Auch ein limitierter Sneaker und die betont nachlässige Jogginghose der Mitte-Hipster können durchaus soviel wie ein Chanel-Kostüm kosten. So sollte man sich vom lässig-stylischen Look des Layla ebenfalls nicht täuschen lassen, wir bewegen uns auf Fine-Dining-Level. Der hervorragende Wein (Dalton aus dem Norden von Israel) kostet stolze 11 Euro pro Glas. Und so kann ein frugaler Abend zu zweit mit Getränken locker 200 Euro kosten.

Das beste Couscous der Welt

Zurück zum Essen. Nach den  „Something to start“-Gerichten, die im „Family Style“ geteilt werden sollen, erreicht uns ein göttliches vegetarisches Couscous. Es geht auf ein Geheimrezept von Meirs marokkanischer Großmutter zurück. Auch hier wird die Tradition weitergedacht, verfeinert und modernisiert. Bisher waren alle marrokanischen Couscous‘, die ich gegessen habe, irgendwo zwischen rustikal, ernährungsphysiologisch wertvoll und langweilig-sättigend angesiedelt. Dieses hier hingegen wird von Tershi, einem scharfen Kürbissalat begleitet. Zusammen mit Harissa und diversen geheimnisvoll zubereiteten Gemüsen und Kräutern entfaltet sich ein wahres Geschmacksfeuerwerk. Als ich mit einem seligen Lächeln auf den Lippen von „the best couscous I ever had in my life“ schwärme, gibt sich Meir keineswegs überrascht. Der vielgereiste Food-Chef der New York Times habe ihm nach unzähligen Couscous in seinem „Nur“ exakt das Gleiche gesagt…

Das Team brennt fürs Layla Berlin

Meir Adoni ist Lob gewöhnt und weiß, dass er gut ist. Trotzdem wirkt dieser jungenhafte, von Leidenschaft für seine Küche, seinen frischgeborenen Sohn (sein fünftes(!) Kind) und seine Familie brennende Chef unglaublich sympathisch. Zusammen mit seiner großartigen Geschäftspartnerin Lilach  reißt er das gesamte Team mit. Direkt vor der offenen Küche des Layla Berlin platziert, erleben wir die ganze Konzentration, die Präsision und den Druck, unter dem das Küchenteam steht. Und das sich nicht anmerken lässt, wie viel Können hinter der hier gelebten Gastfreundschaft steht. Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle an Wowa, der uns so wunderbar umsorgt hat.

Balance zwischen Süße und Säure beim Finale

Wir bekommen jetzt noch zwei Desserts, und zwar das großartig zwischen Süße und Säure, crunchy und creamy ausbalancierte East meets West sowie Malabi Rose. Bei letzterem handelt es sich für eine selbst für europäische Verhältnisse überraschend unsüße Nachspeise aus Kadaif (knusprige Nudeln), kandierter Pistazie, Rhabarber Konfitüre, Kirschsorbet und Hibiskus. Und dann, als die Anspannung kurz abebbt, wird gelacht, ein Glas Wein getrunken und vor dem Hotel eine Zigarette geraucht. Nachdem auch eine plötzlich einfallende Riesengruppe junger Israelis versorgt ist, kommt Meir Adoni noch mindestens 20 Selfie-Wünschen seiner jungen Fans nach. Mit einem taufrischen Lächeln, dem die zehn zurückliegenden Stunden harte Arbeit nicht im Entferntesten anzusehen sind. Danke an Meir, Lilach, Stella und das gesamte Team für diesen Abend!

P.S. Das Layla Berlin verfügt unter der Leitung des italienischen Mixologen Emanuele Broccatelli über eine einzigartige Bar, in der analog zu Meir Adonis Küche Drinks aus Kräuteraufgüssen und subtilen Gewürzkombinationen gezaubert werden. Mehr dazu demnächst auf Aperitivista!