Am letzten Oktoberwochenende fand die BW Classics 2019 in Berlin statt. Zum 20. Mal ist die Weinmesse nun in der Hauptstadt und damit die älteste und erfolgreichste aller Baden Württemberg Classics. Gut die Hälfte der 1.000 Weine von 65 Weinbautrieben und 13 Jungwinzern stammt von Winzergenossenschaften. Die werden von Weinsnobs gerne für ihre vermeintliche Beschränkung auf mainstreamige, günstige Supermarktware belächelt. Wer genauer hinschaut, wird vielerorts allerdings hohe Qualität, ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis und Kellermeister, die mit der Zeit gehen, entdecken. Nicht zu vergessen, dass viele Winzer nur dank der Genossenschaften überleben konnten, wenn schlechtes Wetter oder sonstige Katasstrophen die Existenz bedrohten.

1.000 Weine für 15 Euro verkosten

Mit einem Weinglas bewaffnet stürzen wir uns also in die große Verkostung von Weinen aus den zwei großen deutschen Weinanbaugebieten Baden und Württemberg. Dank René Arnold, dem unermüdlichen Südwesten-Verfechter vom Württemberger Weinhaus Berlin, kennen wir uns bei den Weingärtnern des viertgrößten deutschen Weinbaugebiets inzwischen gut aus. Außerdem sind für uns die Jungwinzer ein Muss, und unter den badischen Winzern und Genossenschaften haben wir ebenfalls ein paar Favoriten. Eine wichtige Rolle auf der BW Classics 2019 in Berlin spielen die Rotweine – nicht umsonst belegen Weingüter aus dem Südwesten immer wieder Spitzenplätze beim Deutschen Rotweinpreis für typische Rebsorten wie Spätburgunder, Lemberger oder Trollinger. Zu den typischen Weißweinen des Südwestens zählen hingegen Riesling, Grauer und Weißer Burgunder, Sauvignon, Silvaner und Gutedel.

Fast wie Champagner: We love

Vor allem zieht es uns Aperitivistas zu den Schaumweinen, von denen einige laut einschlägiger Weinkritiker locker mit Champagner mithalten können. Als erstes probieren wir den Crémant (Baden hat eine Sondergenehmigung für die Nutzung des französischen Namens) vom Demeter-zertifizierten Weingut Pix aus Baden. Die Cuvée aus Weiß-, Grau- und Spätburgunder besticht durch ein fruchtiges Birnenaroma und eine feine Perlage, weshalb wir für angemessene 14 Euro direkt eine Flasche für den späteren Samstag Abend erwerben. Ebenfalls überzeugend der recht selten als Sekt anzutreffende Auxerrois vom Weingut GravinO. Definitiv Suchpotenzial hat der großartige Muskatteller-Sekt vom Weinconvent Dürrenzimmern, das zu den am höchsten ausgezeichnetsten Weinbaubetrieben Deutschlands zählen dürfte. Der Bundesehrenpreis in Gold und der Deutsche Rotweinpreis, der in zwei Wochen verliehen wird, sind nur zwei der verdienten Preise. Speziell mutet der Craft Sekt No1 vom Ökoweingut Stutz an – mit seinen ausgeprägten Hefenoten soll er auch BiertrinkerInnen schmecken.

Die Weinköniginnen: Präfeministisches Phänomen oder zeitgemäß?

Auf der BW Classics 2019 in Berlin sind wie in jedem Jahr die Weinköniginnnen vor Ort. Für alle, die wie ich aus der norddeutschen Wein-Diaspora stammen, mutet das Phänomen der Weinköniginnen bizarr an. Handelt es sich dabei nicht um hübsche Mädchen in Tracht, die als eine Art Miss Germany des Weins vor allem als prä-feministisches Fotomotiv herhalten müssen? Weit gefehlt: Die Prüfungen vor der Wahl dürften manche WinzerInnen oder Sommeliers durchaus in Verlegenheit bringen. Nicht umsonst stammen die Weinköniginnen meist aus Winzerfamilien und sind mit Wein groß geworden. Die Badische Weinkönigin Sina Erdrich und Julia Sophie Böcklen (Württemberg) haben genauso studiert wie Carolin Klöcker, Deutsche Weinkönigin 2018. So erklärt die angehende Agrarwissenschaftlerin auf die Frage nach der Wichtigkeit des Aussehens denn auch dem Handelsblatt orange, dass die Optik beileibe nicht das Hauptmerkmal sei: „Ich würde eher sagen, es geht um das Gesamtpaket: ob die Person Weinwissen hat und das auch rüberbringen kann. Wenn jemand einen coolen Charakter hat und eine tolle Ausstrahlung, dann ist die Persönlichkeit wichtiger als das Aussehen.“

Frische Ananas verrät Weißburgunder

„Bei der Blindverkostung auf der Bühne hat mich der Geruch von frischer Ananas gerettet“, erzählt Julia Böcklen. „Während meine Mitbewerberinnen auf den Joker zurückgreifen mussten, erkannte ich den Weißburgunder.“ Der Lieblingswein der aus der Region Heilbronn stammenden Weinexpertin ist allerdings der Lemberger – ein toller Wein, der es richtig ausgebaut mit den großen Franzosen aufnehmen kann. Gerade wurde Julias Weinköniginnen-Karriere mit der Wahl zur Deutschen Weinprinzessin gekrönt. Ihr großes Vorbild sei Carolin Klöckner – tatsächlich eint die beiden außergewöhnliches Kommunikationstalent und ein hoher Sympathiefaktor. Ganz zu schweigen von den leuchtenden Augen, wenn sie von Wein sprechen…

Die Weinseminare und die kulinarische Basis

Vor den Weinseminaren mit den Königinnen empfiehlt sich eine Mittagspause bei Wilhelm Biermann. Der Top-Koch unterhält in Soest Biermanns Restaurant, das auf französische Küche spezialisiert ist. Er gehört zu den wenigen die Branche, die beides können – Fine Dining und großes Catering. Meine Foodjournalisten-Kollegen sind genauso begeistert wie ich von den orginal schwäbischen Maultaschen, dem Badischen Ochsenschäufele und den Schweinsbäckle. Anschließend lasse ich mich von Julia Böcklen in die Welt der Württembergischen Cuvées entführen. Auf die von ihr provokant aufgeworfene Frage nach „Verschnitt oder Komposition?“ fällt die Antwort leicht: Bei Qualitätsweinen ganz klar letzteres, denn schließlich handelt es sich bei den meisten großen Rotweinen um Cuvées. Im anschließenden Seminar „Festtagsweine“- aus Baden und Württemberg gibt sie zusammen mit der reizenden Sina Erdrich Tipps für die Festtage. Toll der „Löwenherz“ vom Weingut Albrecht-Kiessling und – to die for – die Riesling-Beerenauslese vom Weinconvent Dürrenzimmern. Die schafft es garantiert in mein Weihnachtsmenü.

Posted by:gesetta

Aus dem norddeutschen Flachland zog es mich schnell nach Italien und Frankreich, wo ich das mediterrane Lebensgefühl in jede Pore aufgesogen habe. Ich liebe Venedig, Aperol Spritz und gutes Essen. Schon als Kind hasste ich Jugendherbergen, praktische Kleidung und flache Schuhe. Nach unzähligen herrlichen Hotels und einem unprotestantischen Ja zum Glamour kann ich letzteren beiden inzwischen sogar etwas abgewinnen. In 10 Jahren kommt vielleicht die Zeit für Jugendherbergen, weil ich mich jung fühlen möchte. Besser nicht.

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